Beim dritten Mal tut Lügen weh

Pinocchio will «spielen, spielen, spielen» und sonst nichts: Im neuen mobilen Kinderstück des Theaters St. Gallen lässt sich Hans Rudolf Spühler in allen Rollen von der Vitalität des kleinen Holzkopfs anstecken. Am Mittwoch war Premiere im Studio.

Bettina Kugler
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War er wirklich in der Schule? (Bild: Tine Edel)

War er wirklich in der Schule? (Bild: Tine Edel)

ST. GALLEN. Fast wären vier schöne Tischbeine aus dem Stück Eichenholz geworden, oder ein dekorativer Blumenständer. Aber nein – im letzten Augenblick hat Meister Gepetto eine bessere Idee: Eine Marionette für den Göttibub könnte er daraus machen. Und was für eine! Denn kaum setzt er den Hobel an, regt sie sich schon, und als er ihr mit Sandpapier den letzten Schliff gibt, schreit sie: «Ui, das kitzelt!»

Nicht totzukriegen

Der Holzkopf nämlich, den Hans Rudolf Spühler als Gepetto da gerade für die Zuschauer unsichtbar hinter der grossen Kiste auf seiner mobilen Schreinerwerkstatt (Bühne: Georges Hanimann) mit wild fliegenden Spänen schnitzt, wird lebendig. Und zwar so gründlich lebendig, dass er in der folgenden Stunde auch noch in höchster Lebensgefahr einfach nicht totzukriegen ist.

Das gilt auch für den Stoff: In die Welt gesetzt hat ihn der Italiener Carlo Collodi. «Pinocchio», seine in burlesken Episoden erzählte Geschichte über den kleinen Holzbengel, der so gerne ein richtiger Bub wäre, zieht wie ehedem – Spühler spielte sein Solo am Mittwoch zur Premiere im nahezu ausverkauften Studio, wo es noch neunmal zu sehen sein wird, bevor das Stück mobil durch die Region wandert. Aber er reisst ja ohnehin gern von zu Hause aus, der Pinocchio, und glaubt, da draussen auf die faule Tour sein Glück zu machen.

Holzkopf mit Herz

Überaus fleissig allerdings ist der, dem er sein loses Mundwerk verdankt: Hans Rudolf Spühler hat alle Hände voll zu tun. 60 Minuten lang ist er Gepetto und Pinocchio, Grille, Kasperle und Krokodil, Fuchs und Kater, gute Fee et cetera – und immer mit sich selbst im Dialog. So kommt es, dass der kleine Holzkopf neben ihm von Anfang an Gefühle zeigt. Neugier, Unmut, Lust auf Essen, Trinken, Schlafen, Spielen – das alles kann man von Spühlers Miene ablesen. Und das besonders gut, weil sich Spühler mit dem Pinocchio Mühe geben muss: Redet der «Schnuderbueb» doch glatt Hochdeutsch! Bloss, weil er aus deutscher Eiche ist.

Handarbeit – und zu viel Nebel

Zugegeben, mit der Logik hapert es zuweilen in dieser Kurzversion der ausschweifenden Vorlage. Es macht den Pinocchio nicht unbedingt sympathischer, dass er, zwar hölzern einfältig, naseweis wie ein «Schwob» faselt. Als Regisseur und Sprachcoach hat Christian Hettkamp in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Doch dass die von Martina Wagner gebaute kindsgrosse Holzpuppe dann ausgerechnet in roter Weste und Sennenhose zur Schule geschickt wird (Kostüme: Julia Walser), das hat der arme Pinocchio nicht verdient. Kann man ihm übelnehmen, dass er in diesem Aufzug nicht einmal eine Fibel kaufen wird, sondern lieber dem Duft gebrannter Mandeln folgt und sich auf dem Jahrmarkt vergnügt?

Natürlich warten Kleine wie Grosse gespannt auf die Schlüsselszene: Wenn Pinocchio flunkert und die Nase unter den Kulleraugen länger und länger wird. Solide Handarbeit macht's möglich: der Teleskop-Trick. Überhaupt setzt die Regie aufs Einfache, verzichtet weitgehend auf die Effektekiste. Nur Nebel, der muss sein – für die Fee. So reichlich, dass im Publikum heftig gehüstelt wird. Hat er sich gelichtet, erfreut man sich umso mehr an Hans Rudolf Spühlers darstellerischer Vitalität, an seiner nicht nachlassenden Erzähllust und an den springlebendigen Rollenwechseln. Ungelogen!