«Beim Denken lasse ich mich treiben»

Die Thurgauer Autorin Tanja Kummer legt ihren ersten Roman vor, «Sicher ist sicher ist sicher». Wir haben sie gefragt, wie sie selber mit Zwängen umgeht, wie sie zu ihrer Heimat steht und ob sich Schriftsteller zu Politik und Gesellschaft äussern sollen.

Dieter Langhart
Merken
Drucken
Teilen
Tanja Kummer Schriftstellerin (Bild: Reto Martin)

Tanja Kummer Schriftstellerin (Bild: Reto Martin)

Frau Kummer, Sie haben Gedichte veröffentlicht, danach drei Erzählbände, jetzt den ersten Roman. Folgt als nächstes ein Theaterstück?

Tanja Kummer: Das klingt verlockend und wäre spannend, ich arbeite aber am nächsten Roman, die Form fasziniert mich.

Was genau fasziniert Sie?

Kummer: Mich fordert der Aufbau heraus, die Dramaturgie eines längeren Stücks. Wie setzt man den narrativen Haken, erzählt also unaufdringlich alles, was die Leser wissen müssen, um in die Geschichte eintauchen zu können? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um eine neue Figur einzuführen? Wo ist der Wendepunkt des Textes, wie viel Info und Ausklang ist von da an bis zum Schluss nötig? Über solchen Fragen brüte ich gerne.

Im ersten Absatz Ihres Romans verlangt Doktor Hugentobler von der Hauptfigur, einer Buchhändlerin, «Schweizer Literatur, natürlich!» Was für ein Mensch ist das?

Kummer: Ein gescheiter, belesener Mann, der genaue Vorstellungen der Art von Literatur hat, die er lesen möchte, und oft mit den Vorschlägen, die er in der Buchhandlung Paschenko erhält, nicht einverstanden ist. Er steht für mich für eine Haltung, die ich von mir selber kenne: Wenn man sich zu sehr auf etwas fokussiert, ist es schwierig, Ungewohntes zuzulassen.

Beim Schreiben müssen Sie sehr fokussiert sein – oder können Sie sich auch treiben lassen?

Kummer: Beides. Wenn ich mir die Geschichten ausdenke, ist es wichtig, dass ich mich treiben lassen kann und mir Raum lasse: Was passiert, wenn die Figur A das und das macht? Was verändert sich in der Geschichte, wenn ich einen Text an einem ganz anderen Ort spielen lasse? Da muss ich mir Mühe geben, offen zu bleiben. Beim Niederschreiben sind Fokus und Konzentration wichtig.

Warum eine Ich-Erzählerin?

Kummer: Der Text ist seit 2008 in Entstehung – in der ersten Form war die Perspektive personal. Aber der Text war zu wenig zwingend. Die Ich-Perspektive erlaubt es, Martinas Enge im Kopf besser mitzuerleben.

Martina leidet unter Kontrollzwang – Tanja Kummer auch?

Kummer: Was ich kenne, sind Zwänge. Von mir und Leuten, die mir, seit der Roman in Arbeit ist, davon erzählt haben. Die meisten wissen, dass ihre Ängste und Unsicherheiten manchmal der Wirklichkeit entbehren. Martina denkt im Buch einmal: «Wie konnte ich zu einer Sklavin von Gedanken werden?» Das Thema interessiert mich sehr.

Sind Sie als Autorin nicht auch eine Sklavin Ihrer Gedanken?

Kummer: Nicht so sehr. Ich habe schon lange gemerkt, dass ich nicht die Kapazität habe, alles aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht. Da ich einen tollen Job in der Gastronomie habe, ist es für mich auch nicht zwingend, immer schreiben zu müssen. Darüber bin ich froh.

Sie sind oft live zu erleben, treten auch mit Christine Lauterburg und dem Musiker Dide Marfurt im Trio «Vergiiget Verjuchzet Verzapft» auf. Wer hatte die Idee dazu?

Kummer: Wir wurden zu dritt für Auftritte in einem Hotel gebucht, davor kannten wir uns nicht. Unser Programm kam so gut an, dass wir beschlossen, weiterhin aufzutreten. Kein Auftritt ist wie der andere, da wir immer neue Stücke und Texte mitbringen.

Sie lesen da Texte aus dem Thurgau. Was bedeutet Ihnen Heimat?

Kummer: Wenn ich im Thurgau bin und die Landschaft, Städte und Dörfer sehe, erkenne ich mich wieder. So bin ich aufgewachsen, der Thurgau ist ein Teil von mir, der mich prägt.

Sie haben 2013, im Exil in Winterthur, «Alles Gute aus dem Thurgau» geschrieben – aus Nostalgie?

Kummer: Nein, vor allem aus Interesse an der Geschichte – ich konnte vielen Dingen nachspüren, für die ich als Schülerin keine Zeit und keine Augen hatte, etwa der Geschichte des Schlosses Arenenberg.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Kummer: Just bin ich unliterarisch unterwegs und habe mir einen Stapel Wien-Reiseführer aus der Bibliothek geholt, da ich bald in die Ferien fahre.

Lesen Sie auch Lukas Bärfuss?

Kummer: Ich möchte ihn gerne lesen, bin aber noch nicht dazu gekommen – aus meiner Zeit als Buch-Tip-Frau bei SRF3 warten noch viele tolle Titel auf mich.

Sollen sich Autoren zu Politik und Gesellschaft äussern?

Kummer: Sie sollen, wenn sie wollen. Man darf nicht vergessen, dass es Autoren gibt, die einfach gerne Bücher schreiben und sich freuen, wenn sie die Leser damit unterhalten können – ohne politisieren zu wollen. Das wird nicht immer akzeptiert, und das finde ich schade.

Di, 3.11., 19.30 Uhr, Orell Füssli, Winterthur (Buchvernissage) Do, 5.11., 20 Uhr, Comedia, St. Gallen (Lesung)