Interview

«Bei mir ist immer alles extrem»: Die Thurgauer Kabarettistin Lara Stoll steht wieder auf der Bühne

Die Kabarettistin und Filmemacherin Lara Stoll ist mit ihrem dritten Soloprogramm «Gipfel der Freude» zurück. Am 25. September ist in Weinfelden Premiere. Im Interview spricht die 33-jährige Thurgauerin über einen bizarren Auftritt im Autokino, über ihre Sehnsucht nach dem Rückzug und über ihre Angst vor Schmetterlingen.

Roger Berhalter
Drucken
Teilen

Exklusiv für Abonnenten

Kabarettistin, Musikerin, Filmemacherin: Lara Stoll ist auf vielen Ebenen künstlerisch aktiv.

Kabarettistin, Musikerin, Filmemacherin: Lara Stoll ist auf vielen Ebenen künstlerisch aktiv.

Bild: Andy Müller/Freshfocus (Zürich, 17. September 2020)

Ein Gespräch mit Lara Stoll ist kein Zuckerschlecken. Die meisten Kabarettisten benötigen in Interviews nur ein Stichwort, schon sprudelt es aus ihnen heraus. Anders Stoll. Manchmal verstummt sie nach wenigen Worten, und sie spricht nur dann, wenn sie auch etwas zu sagen hat. Im Gespräch gibt sie sich etwas kratzbürstig und sehr freigeistig.

Womit sollen wir anfangen? Mit Corona?

Lara Stoll: Das müssen wir fast. Im Moment muss man dieses Thema ja immer zuerst abarbeiten, bevor man zur Substanz vordringt.

Gut, also, Corona: Wie ist es Ihnen als Künstlerin im Lockdown ergangen?

Ich hatte keine Auftritte mehr, klar. Aber abgesehen davon hat sich für mich nicht viel verändert. Es war sowieso geplant, dass ich zurückgezogen an meinem neuen Programm schreibe. Im Juni bin ich an einem Poetry-Slam-Abend im Autokino Dietikon aufgetreten, auf einer Drive-in-Bühne. Statt Applaus gab's Autogehupe, das war bizarr.

Hatten Sie keine Existenzängste?

Ganz kurz vielleicht. Aber ich bin flexibel und brauche nicht viel zum Leben. Man darf nicht verzweifeln an der aktuellen Situation. Besser ist es, mit positiver Energie an die Sache zu gehen. Nützt ja alles nix.

Wenn Sie nicht auftreten durften: Haben Sie es mit Streaming probiert?

Schon vor einem Jahr hatte ich ein Livestream-Format namens «Sandfrau». Jeden Abend um viertel vor zwölf habe ich den Leuten live einen Text zum Einschlafen vorgelesen. Wegen technischer Probleme habe ich aber wieder aufgehört. Daher hat es mich jetzt nicht so gepackt, aufgrund der Coronakrise gleich eine gestreamte Alternative anzubieten. Streaming hat einfach nicht die Kraft eines Live-Auftritts. Mir sind die Energien zwischen mir und dem Publikum viel lieber.

Jetzt treten Sie wieder auf, mit Ihrem neuen Soloprogramm «Gipfel der Freude». Haben Sie die Bühne vermisst?

Ehrlich gesagt, gar nicht so fest. Man mag es nicht denken, aber ich bin keine grosse Rampensau. Ein Auftritt pro Woche ist mir schon komplett genug, es verlangt mir recht viel Energie ab.

Das Plakat zum neuen Soloprogramm «Gipfel der Freude».

Das Plakat zum neuen Soloprogramm «Gipfel der Freude».

Bild: PD

Im neuen Song «Lock Down My Heart» singen Sie von der Sehnsucht nach der Zeit, als der Bundesrat empfahl, zuhause zu bleiben. Meinen Sie das ernst?

Ja. Ich bin aber auch ein bisschen ein komischer Kauz, was das betrifft. Ich liebe den Rückzug. Dabei spielt die privilegierte Situation, die wir in der Schweiz haben, eine grosse Rolle. Dass es überhaupt Leute gibt, die so etwas wie einen Lockdown «geniessen» konnten.

Der verlockende Rückzug ins Private? Sie scherzen.

Nein! Ich bin gerne zuhause mit den Storen unten, ich suche nicht ständig die Öffentlichkeit. Es ist alles immer etwas extrem bei mir: Bühne, viele Leute, Club, dann wieder komplette Abschottung. Auch gefühlstechnisch ist alles extrem. Gerade jetzt empfinde ich ein totales Chaos, wenn ich an die Premiere denke. Ich bin völlig gestresst, gleichzeitig aber auch absolut lethargisch.

«Haben Sie schon einmal einen Schmetterling von nahem gesehen? Tun Sies nicht!»: Lara Stoll beim Interview in Zürich.

«Haben Sie schon einmal einen Schmetterling von nahem gesehen? Tun Sies nicht!»: Lara Stoll beim Interview in Zürich.

Bild: Andy Müller/Freshfocus (17. September 2020)

Sie sind im Lockdown auch krank geworden.

Ja, eine Magen-Darm-Grippe hat mich niedergemäht. Dieses Erlebnis floss ins neue Programm ein. Man muss ja nicht meinen, dass alle anderen Viren aufhören zu piesaken, nur weil Corona gerade die Zügel in der Hand hat. Es steckt viel Persönliches drin im neuen Programm. Die Leute lernen mich besser kennen.

Zur Person

Lara Stoll ist in Rheinklingen im Kanton Thurgau aufgewachsen. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich als freischaffende Künstlerin. Sie begann als Slampoetin und führt inzwischen abendfüllende Kabarettprogramme auf. Seit 2013 produziert sie mit dem Kollektiv «Bild mit Ton» Sendungen und Filme: Zum Beispiel verwandelt sie die Tagesschau mit frecher Schnittechnik in eine dadaistische Show. Oder sie kommentiert in der Videoreihe «S'Internet us de Dose» Kurzfilmchen aus dem Internet. 2018 spielte sie die Hauptrolle in der Horrorkomödie «Das Höllentor von Zürich». Von 2011 bis 2015 absolvierte Stoll ein Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Auch an mehreren Musikprojekten ist sie beteiligt.  

Kürzlich haben Sie im Schweizer Fernsehen einen Text über Lepidopteraphobie vorgetragen. Sie haben aber nicht wirklich Angst vor Schmetterlingen, oder?

Doch! Haben Sie schon einmal einen Schmetterling von Nahem gesehen? Tun Sies nicht! Ich bin übrigens nicht die Einzige, andere Leute kennen diese Angst auch. Kabarett dient für mich auch dazu, solche Dinge zu verarbeiten. Es ist eine sehr günstige Art von Psychotherapie.

Sie machen nicht nur Kabarett, sondern drehen auch Filme, machen Musik, singen. Läuft das bei Ihnen alles parallel?

Ja, jeder Tag ist ein Abenteuer, nichts ist konstant, das liebe ich an meinem Leben als freischaffende Künstlerin. Ich funktioniere am besten, wenn ich so kann, wie ich will. Das fühlt sich nach Freiheit an. Auch wenn ich ständig das Gefühl habe, allen Dingen hinterher zu rennen.

Sie haben soeben einen alternativen «Tatort» gedreht. Was verstehen Sie darunter?

Naja, er wird halt nicht im Fernsehen laufen, deshalb: Alternativ. Er heisst «Wer hat die Konfitüre geklaut?», und Patrick Frey spielt die Hauptrolle. Eineinhalb Jahre haben wir gedreht, jetzt sind wir den Film am Schneiden, und im Verlauf des nächsten Jahres soll er ins Kino kommen.

Noch mal zurück zu Corona. Hat Sie der Lockdown als Künstlerin ins Grübeln gebracht? Werden Sie als Kabarettistin nun anders auftreten?

Was das Künstlerische betrifft: Nein, da mache ich einfach dort weiter, wo ich aufgehört habe. Das ist doch eine Stärke von uns Menschen: Man macht weiter und vergisst. Leider vergisst der Mensch aber zu oft auch Dinge, die er sich besser merken würde.

Premiere «Gipfel der Freude»: 25. September, 20.15 Uhr, Theaterhaus Thurgau, Weinfelden