Bei George Gruntz regierte die Vielfalt

Der Jazzkomponist und -pianist George Gruntz ist gestorben. «Jazz ist eine Grundhaltung zum Leben», sagte er vor wenigen Monaten.

Tom Gsteiger
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George Gruntz (Bild: ky/Kefalas)

George Gruntz (Bild: ky/Kefalas)

Ans Aufhören hat der Jazzmusiker George Gruntz nie gedacht. «Nein, warum sollte ich?», hat er die Frage letzten Sommer, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag beantwortet. «Meine Frau sagt immer: <Deine Musik ist es, die Dich jung hält>. Solange ich Klavier spielen, komponieren, arrangieren und dirigieren kann, werde ich weitermachen.»

Jetzt ist George Gruntz im Kreise seiner Familie gestorben, am selben Tag, an dem Claude Nobs vom Montreux Jazz Festival das Zeitliche segnete. In Montreux hatte Gruntz einen seiner letzten Auftritte. Bis zuletzt hat er komponiert und konzertiert, getreu seiner im Berner «Bund» verkündeten Devise: «Du läufst keinen Meter als Jazzmusiker, wenn du nicht bereit bist, den Kreativitätsimperativ zu akzeptieren.» Jazz, so Gruntz, «ist eine Grundhaltung zum Leben».

Vielfalt und Verzettelung

Es gibt monogame Künstler, und es gibt promiskuitive Künstler. George Gruntz zählt zu den letzteren – in doppelter Hinsicht. In seiner Autobiographie, deren Titel, «Als weisser Neger geboren», wir nicht weiter kommentieren wollen, gibt sich der Mann Gruntz als «williges Opfer von Freund Eros» und der Künstler Gruntz als Multistilist zu erkennen.

Gruntz war ein lustvoller «workaholic», ein Tatmensch, der lieber eine Aufgabe zu viel als eine zu wenig anpackte. Ein paar Stationen seiner hektischen Vita: 1963 wird er Profi. Ein Jahr später feiert er mit «Jazz Goes Baroque» den ersten Plattenerfolg. 1967 entsteht die Platte «Noon in Tunisia», die als frühes und nicht nur in ihrer emotionalen Dringlichkeit geglücktes Beispiel von Weltmusik gelten darf. Von 1970 bis 1984 ist Gruntz am Schauspielhaus Zürich zuständig für Bühnenmusik. Von 1972 bis 1994 amtiert er in Berlin als künstlerischer Leiter des Jazzfestivals. 1972 ruft er mit Flavio und Franco Ambrosetti und Daniel Humair eine Bigband ins Leben, aus der sechs Jahre später die George Gruntz Concert Jazz Band (GGCJB) hervorgeht, mit der er zuletzt Anfang dieses Jahres in New York im Studio war.

In gewissem Sinne kann man Gruntz als Postmodernisten «avant la lettre» bezeichnen. Er war nie ein Jazzdogmatiker, von Anfang an hat er gerne über den Zaun gefressen. Daher wäre es vergebliche Liebesmüh, sein überbordendes Schaffen stilistisch eingrenzen zu wollen. Bei Gruntz regiert die Vielfalt – eine Vielfalt, die allerdings auch als Verzettelung wahrgenommen werden kann. Gerade den ambitionierten Crossover-Projekten – etwa seinen Jazzopern – fehlte es manchmal an einem unverkennbar eigenständigen Zugriff.

Kraftvoller Bigband-Jazz

Das Herzstück des Gruntz' schen Œuvres war zweifellos die GGCJB. Für dieses vornehmlich aus amerikanischen Cracks bestehende Renommierensemble, dessen Reihen im Laufe der Jahre über hundert Musiker – darunter Joe Henderson, Jimmy Knepper, Tom Harrell und Ray Anderson – durchlaufen haben, komponierte Gruntz einen kraftvollen und virtuosen Bigband-Jazz, der sich nicht an bekannten Modellen orientiert, sondern beherzt eigene Wege geht.

Wer erlebt hat, wie Gruntz diesen exquisiten Klangkörper mit Enthusiasmus und Präzision zu Höchstleistungen antrieb, merkte sofort, dass hier einer mit Haut und Haar für die Musik lebte. Und der von sich sagte: «Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, der mich ausfüllt und glücklich macht. Da bin ich doch sehr privilegiert, wenn man weiss, wie viele Menschen ihre Arbeit als ein Muss empfinden und froh sind, wenn sie Feierabend haben.»

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