Begehrter Wort-Raum

Im April letzten Jahres wurde der Raum für Literatur in der Hauptpost eröffnet und kommt in St. Gallens Literaturszene seither bestens an. Dreimal ist er auch beim diesjährigen «Wortlaut»-Festival als «Spielort» mit von der Partie.

Martin Preisser
Merken
Drucken
Teilen
Verewigen dürfen sich im Raum für Literatur in der Hauptpost die Besucher auf den Wänden. Morgen starten hier die «Wortlaut»-Literaturtage. (Bild: Hanspeter Schiess)

Verewigen dürfen sich im Raum für Literatur in der Hauptpost die Besucher auf den Wänden. Morgen starten hier die «Wortlaut»-Literaturtage. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Wir eröffnen das neue Veranstaltungsprovisorium in der Hauptpost St. Gallen und verpflichten diesen Raum für Literatur stetem Wandel und ständiger Entwicklung.» Mit diesen Worten von Richi Küttel war im April letzten Jahres der Startschuss für den Raum für Literatur gefallen.

Drei Post-Reihen

Ein Mauerblümchendasein fristet er seither nicht. Der Raum werde angenommen und mehr und mehr gebucht, sagt Küttel, der ihn im Auftrag des kantonalen Amts für Kultur verwaltet. Richi Küttel ist auch im Vorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur (GdSL) aktiv.

Drei Veranstaltungsreihen lässt diese in der Hauptpost laufen: «Eingeschrieben», eine Reihe mit Schweizer Literatur, «Post scriptum», eine literaturwissenschaftliche Reihe, und ganz neu «Luftpost» mit internationalen deutschsprachigen Autoren.

Gravitationszentrum

Germanistin Eva Bachmann, die für das Programm von «Eingeschrieben» verantwortlich zeichnet und die Reihe ins Leben gerufen hat, war eine der ersten, die die Hauptpost nutzten. «Der Raum für Literatur ist ein echtes Gravitationszentrum», findet sie. «Er kommt dem Wort entgegen.»

Und Joachim Bitter, Vadiana-Bibliothekar und verantwortlich für die Reihe «Luftpost» bei der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur, doppelt nach: «Der Raum ist sehr wichtig für St. Gallen und ersetzt das fehlende Literaturhaus in der Stadt.»

Auch die Freihandbibliothek, die Frauenbibliothek Wyborada, die Vadiana und die Uni St. Gallen nutzen den Raum für Literatur. Die Ostschweizer Autorenlesung hat hier eine neue Heimat, ebenso Slam Gallen, um nur einige der Nutzer zu nennen. Die intensive Nutzung des Raums ist denn auch ausgesprochen oder unausgesprochen ein politisches Signal für eine zukünftige Nutzung der gesamten Hauptpost als zentraler Bibliothek. Der grosse Wurf einer grossen Publikumsbibliothek ist politisch erst einmal gescheitert.

Jetzt geht der Weg zur Bibliothek sozusagen scheibchenweise. Der Raum für Literatur ist hierbei ein Mosaikstein, die Nutzung der Hauptpost ab Ende 2013, wenn Vadiana und Freihandbibliothek erste Bestände hierher transferieren, der nächste Mosaikstein.

Vorstufe der Aneignung

Fragt man Sabine August, Leiterin der Wyborada, ist die Nutzung des Raums für Literatur ganz klar «eine Vorstufe der Aneignung des ganzen Gebäudes». Für die Zukunft wünscht sich Sabine August in der Hauptpost die Wyborada als «gut sichtbaren Teil einer Public Library». Ihr gefallen im Raum für Literatur vor allem die vom Publikum bemalten und beschriebenen Wände. «Da steckt viel Phantasie dahinter.»

Kultur mitten in der Stadt

Hell, ansprechend, zentral, urban, stimmig, sehr geeignet für die Nähe zwischen Literaten und ihrem Publikum, die richtige Grösse – das sind die wichtigsten Attribute, die die Nutzer des Raums für Literatur immer wieder nennen. Eine Anbieterin von literarischen Programmen ist auch die Universität St. Gallen.

Yvette Sanchez, Professorin an der Kulturwissenschaftlichen Abteilung, mag den Raum ebenfalls: «Das ist Kultur mitten in der Stadt a discrétion.» Die HSG ist im laufenden Semester mit einer vierteiligen Slam-Serie sowie einer Vorlesungsreihe zu Conrad Ferdinand Meyer vertreten. Die Uni will auch nächstes Semester den Raum wieder literarisch bespielen. Für die HSG ist die Hauptpost eine bewusst wahrgenommene Möglichkeit, mit Kultur runter vom Hügel direkt in die Stadt zu kommen und damit für die Öffentlichkeit präsenter zu werden.

Mehr und mehr literarische Angebote drängen in den Raum für Literatur, Buchvernissagen finden statt. Und doch ist der Raum in der Öffentlichkeit noch nicht überall bekannt. Entdecken kann man ihn ab morgen, wenn dort das diesjährige Wortlaut-Festival eröffnet wird. Für viele oft unklar ist der Eingang zum Saal in der Hauptpost: Er befindet sich an der St. Leonhard-Strasse 40.

www.hauptpost.ch