Befreiung aus der Puppenstube

Zwischen pausbackiger Russlandfolklore und neureicher Partytristesse lässt Lydia Steier Tschaikowskys Oper «Eugen Onegin» am Theater St. Gallen spielen – sängerisch überzeugend besetzt. Am Samstag war Premiere.

Bettina Kugler
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Zu spät für die grosse Liebe: Tatjana (Evelina Dobraceva) und Onegin (Nikolay Borchev) im dritten Akt. (Bild: Daniel Ammann)

Zu spät für die grosse Liebe: Tatjana (Evelina Dobraceva) und Onegin (Nikolay Borchev) im dritten Akt. (Bild: Daniel Ammann)

Wie Orgelpfeifen aufgereiht stehen die rundlichen, rotbackigen Matroschka-Puppen in Tatjanas Kammer. Die junge Frau dazwischen passt fast perfekt ins Bild: schwarze Zöpfe, weisse Bluse, darüber ein rotes Hängerkleidchen. Die Brille hat sie abgesetzt, das Buch, sonst liebster Fluchtweg aus der unerträglich engen Ländlichkeit, hat sie verärgert in die Ecke gepfeffert. Noch einmal fängt Tatjana an zu schreiben; sie kopiert jetzt nicht mehr schwülstige Romanphrasen, sondern folgt dem Diktat ihres Herzens.

Das Orchester schreibt mit

Wie aufgewühlt es ist von der Begegnung mit Eugen Onegin, das schreibt uns die Sopranistin Evelina Dobraceva in der Briefszene mit allen Selbstzweifeln und aufgestauten Sehnsüchten legatissimo hinter die Ohren. Die Holzbläser führen in melodisch runden Schwüngen Tatjanas Feder; das Sinfonieorchester St. Gallen unter der Leitung von Chefdirigent Otto Tausk taumelt unruhig – gleich wird Tatjana die Puppenkulisse umwerfen und sich die Zöpfe abschneiden. Unmissverständlich wird sie einen Wendepunkt der Handlung und ihres Lebens markieren: von einem Unglück ins andere.

Das Duell als Lachnummer

Drei Frauen zeichnen verantwortlich für die Neuinszenierung von Pjotr Tschaikowskys Oper «Eugen Onegin», mit der am Samstag die Spielzeit im Grossen Haus eröffnet worden ist. Regisseurin Lydia Steier, in guter Erinnerung mit Mozarts «La finta giardiniera», Susanne Gschwender (Bühne) und Anna Eiermann (Kostüme) zeigen erwartungsgemäss wenig Verständnis für Fragen männlicher Ehre, wie sie im zweiten Akt der Oper mit dem Duell zwischen Onegin und Lenski zum dramatischen Höhepunkt führen.

Mag Roman Payer als Lenski in seinem grossen Abschied vom Leben und der unbeschwerten Jugend anrührend alle Register der Verzagtheit ziehen: Die Szene beginnt und endet als Lachnummer. Onegin bringt den tuntigen Triquet (Riccardo Botta) als Sekundanten mit, der muss noch schnell in die Büsche, kann sich das Gähnen nicht verkneifen, Lenskis Pistole hat trotz pedantischer Prüfung durch Saretzkij (David Maze) Ladehemmung. So ein Pech.

Den Frauen in dieser folkloristisch überbelichteten Provinz mit drehbarem Holzhäuschen und ein paar kahlen Birken, vor denen sich Chor und Tanzkompanie dauervergnügt tummeln, ist ihr Schicksal vorgezeichnet. Wie Tatjana hat auch ihre Mutter Larina (Terhi Kaarina Lampi) als Mädchen gern gelesen und auf wahre Liebe gehofft. Olga (Susanne Gritschneder) verscherzt ihr Glück mit Lenski. Tatjana wird später ihrer kleinen Tochter vormachen, wie Entsagung geht. Verheiratet mit dem neureichen Gremin (den Levente Páll jovial singt), weist sie Onegin zurück.

Albtraum Provinz

In dieser Matroschkawelt landet Onegin (Nikolay Borchev) wie ein Ausserirdischer. In dunklen Jeans und T-Shirt, ein ziemlich heutiger Typ, verirrt er sich in seinen eigenen Albtraum putzigen Landlebens, als sei er auf die Bühne eines Bauerntheaters geraten – fest entschlossen, nicht mitzuspielen. Den Ausdruck seiner seelischen Verfassung kann der junge Bariton aus Weissrussland getrost der Stimme anvertrauen. Hört man genau hin, dann ist er schon im ersten Akt, als er Tatjana einen Korb gibt, keineswegs so cool, wie er zu sein glaubt. Doch es hilft nichts, er muss in den zweiten Akt, für den aus dem Schnürboden Lampions heruntergelassen werden. Eiskalt wird er an Tatjanas Fest die Vorurteile bestätigen, die über ihn die Runde machen.

Satirisch überzeichnet

Die Regie treibt hier den Hang zur satirischen Überzeichnung der Provinzler auf die Spitze – genüsslich sekundiert von Beate Vollacks Choreographie. Die Personenführung gerät bei so viel Trubel arg ins Hintertreffen.

Nicht minder unbehaust stehen Onegin und Tatjana einander im dritten Akt erneut gegenüber: unter koksenden Nutten und Partylöwen in Gremins grau gestylter Villa. Wahre, nachvollziehbare Gefühle gibt es in diesem «Onegin» nur in der Musik, ihrer lakonischen Sinnlichkeit, mit der sie der lauten Lust entkommt, wenn schon nicht der Verzweiflung. Der Applaus des Premierenpublikums, freundlich bis überschwenglich, galt denn vor allem dem Orchester und den vorzüglichen Solisten.