Befeuert von den Farben Afrikas

Bauer, Künstler und Entwicklungshelfer aus Ramsen: Das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen widmet Josef Gnädinger eine umfassende Retrospektive. Sein langjähriger Einsatz in Togo prägte sein Schaffen nachhaltig.

Florian Weiland
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Morgenstimmung über dem Feld, 1996, Öl auf Leinwand, 205 × 200 cm, Ramsen, Stiftung J. Gnädinger. (Bild: pd)

Morgenstimmung über dem Feld, 1996, Öl auf Leinwand, 205 × 200 cm, Ramsen, Stiftung J. Gnädinger. (Bild: pd)

Alles Bisherige sei nur ein Kinderspiel gewesen, notiert Josef Gnädiger 1965 in seinem Tagebuch, kurz nach seiner Ankunft in Afrika. «Der Roman meines Lebens hat eigentlich erst begonnen.» Die Reise ist für ihn eine Mission – es geht ihm nicht um Missionierung. 17 Jahre wird der Schaffhauser Künstler und engagierte Christ im westafrikanischen Togo als Entwicklungshelfer im Einsatz sein. Eine Zeit, die ihn prägen und seine Kunst nachhaltig verändern wird.

Autodidakt und Bauer

Gnädinger, 1919 in Ramsen bei Stein am Rhein geboren, ist ein künstlerischer Autodidakt. Sein Lebensweg scheint zunächst vorbestimmt: Gnädinger bleibt der Familientradition treu und wird Bauer. Doch die Landwirtschaft allein füllt ihn nicht aus. Bereits in jungen Jahren beginnt er, seinen Alltag und seine Umgebung festzuhalten. Auch in Afrika nutzt er jede freie Minute, um zu malen. Denn für seine Bilder bekommt er in der Heimat Geld, das er für die Armen verwenden kann. Die Retrospektive im Museum zu Allerheiligen – die bislang umfangreichste Ausstellung über den Künstler überhaupt – versammelt rund 200 Werke. Das klingt nach viel und ist beeindruckend, letztlich aber nur die Spitze des Eisberges. Gnädinger hat ein gewaltiges Œuvre geschaffen, das erst ansatzweise aufgearbeitet ist.

Seppels Vermächtnis

Die Ausstellung, grob unterteilt in Frühwerk, die Jahre in Afrika und das Spätwerk, umfasst Ölgemälde, Gouachen, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen und zahlreiche Holzdrucke. Beleg für die künstlerische Vielseitigkeit Gnädingers. Fotografien, Briefe und Tagebücher geben Einblick in ein aussergewöhnliches Künstlerleben. Zudem werden afrikanische Kultfiguren und Masken aus der Sammlung des Künstlers gezeigt. Der Film «Seppels Vermächtnis» ist zu sehen und ein knapp einstündiges Radiointerview aus dem Jahr 1992 zu hören. Gnädinger, den Zeitzeugen als eigenwilliges, mitunter auch knurriges Original beschreiben, erinnert sich darin mit Begeisterung an seine Zeit in Afrika, spricht über Kunst und sinniert über Tod und Vergehen – in seinen Bildern ein wiederkehrendes Thema.

Die Farben Afrikas lassen Gnädinger jedoch nicht mehr los. Auch nicht, als er schon lange wieder nach Ramsen zurückgekehrt ist. Und so ist es nur konsequent, dass die Ausstellung mit den afrikanischen Bildern einsetzt. Ein 5,40 Meter langes Panorama der Savanne begrüsst den Besucher. Die Wände des Saales sind in kräftigem, lebensfrohem Gelb gestrichen. Daneben viele Porträts der Dorfbewohner. Gnädinger schreibt an einen Freund: «Ich bin der einzige Maler auf 60 bis 80 Kilometer Umgebung. Keine Konkurrenz weit und breit! Leider auch kein Käufer. Aufträge habe ich in Hülle und Fülle. Alle Bewohner Bombouakas wollen konterfeit werden.»

Monumentale Ausmasse

An den afrikanischen Bildern begeistern nicht nur die kräftigen Farben, sondern auch der fast schon expressive Pinselstrich. Ein Höhepunkt ist das Gewitterbild. Zurück in der Schweiz, beginnt für den mittlerweile 63jährigen ein neuer Lebensabschnitt.

Endlich kann er seine ganze Kraft der Kunst widmen. Ölgemälde mit zum Teil monumentalen Ausmassen entstehen. Die in Afrika entdeckte Farbfreudigkeit bleibt erhalten. Gnädingers Hegaulandschaften werden afrikanisch. Motivisch wird an die frühen Arbeiten angeknüpft, doch die Kompositionen werden gewagter, der Stil wird auf das Wesentliche reduziert.

Verzagte abstrakte Elemente

Abstrakte Elemente kommen, wenngleich etwas verzagt, hinzu. Ein Traktor, der in der riesigen Landschaft beinahe verloren geht, atmosphärische Bilder wie «Morgenstimmung über dem Feld», dessen eigentliches Thema die Farbe ist. Gnädinger feiert grosse Erfolge. Er erlebt noch über 30 Ausstellungen, verdient gut und kann seine «zweite Heimat» in Togo weiterhin unterstützen. Als «reich beschenkter, überglücklichster Mensch» (Gnädinger) stirbt der weit über Schaffhausen hinaus geschätzte Künstler im Juni 2000 in Ramsen.

Josef Gnädinger. Bauer und Künstler, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen. Di–So 11–17 Uhr; bis 8. März. www.allerheiligen.ch

Dorf im Norden von Togo, 1981, Öl auf Leinwand, 100 × 206 cm, Privatbesitz. (Bild: pd/Jürg Jausch)

Dorf im Norden von Togo, 1981, Öl auf Leinwand, 100 × 206 cm, Privatbesitz. (Bild: pd/Jürg Jausch)