Beethoven, wie er auch klingen könnte

András Schiff spielt die Diabelli-Variationen gleich zweimal ein: Auf einem Bechstein-Piano von 1920 und einem Franz-Brodmann-Fortepiano von 1720. Das eigenwillige Unternehmen vermittelt wunderbare Farben und ganz neue Eindrücke von Beethovens späten Klavierwerken.

Rolf App
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Was den im Konzertsaal allgegenwärtigen Steinway-Flügel angeht, so hat der ungarische Pianist András Schiff eine klare Meinung: Beethoven würde ihn nicht mögen. Schiff malt sich das so aus: «Seine erste Frage wäre gewesen: <Warum ist das Ding so schwarz? Es sieht ja aus wie ein Sarg!> Und ferner: <Warum ist die Tiefe so plump und schwer?> Schliesslich: <Warum klingt alles so laut? Ich bin zwar taub, aber die Zuhörer sind es hoffentlich nicht.>»

Beethoven würde wütend

Würde man Beethoven nun noch erklären, dass seine Werke heute in riesigen Sälen erklingen, würde er wütend werden. Und ausrufen: «Eine Klaviersonate ist keine Schlachtensymphonie.» Noch etwas hätte Beethoven sagen können, wenn er es schon gekannt hätte. Das sagt aber nun András Schiff selber: Es gibt nicht nur den Konzertsaal, es gibt auch das Aufnahmestudio.

Das letzte grosse Werk

In zwei solche Studios hat er sich zurückgezogen, um Beethovens letztes grosses Klavierwerk, die Diabelli-Variationen op.120, gleich zweimal einzuspielen – das erste Mal auf einem Fortepiano von Franz Brodmann aus Beethovens Zeit, das zweite Mal auf einem Piano von Bechstein von 1920. Dazu die sechs Bagatellen op.126 und die letzte Klaviersonate in c-Moll op.111.

Hört man András Schiff nun zu, so macht man ganz neue Erfahrungen, die nur zum Teil darauf zurückzuführen sind, dass er Beethovens Handschriften genau studiert und daraus neue Einsichten zu Spielweise und Dynamik gewonnen hat. Schiffs an Bach geschulte Klarheit und Zurückhaltung kommen auch Beethovens Werk zugute.

Nein, es sind auch die Instrumente, die ihren Teil zum Zauber dieser zwei CDs beitragen – das Bechstein-Piano mit seinem hellen und warmen, das Brodmann-Fortepiano mit silbrig-klarem Klang. Sie beide verleihen Beethovens «33 Veränderungen über einen Walzer von Anton Diabelli» weit mehr Leichtigkeit, als dies ein Steinway-Möbel je vermöchte. In dieser Leichtigkeit treten Klangschichten und feinste Strukturen hervor, die sonst in den bei Steinway dominierenden Bässen untergehen.

Getragen von Bescheidenheit

So bestätigt sich gleich zweimal András Schiffs pianistische Meisterschaft. Zart und perlend ist oft sein Spiel, staunenswert filigran nicht nur in den Diabelli-Variationen, sondern beispielsweise auch in Beethovens letzter Klaviersonate, und getragen von einer grossen interpretatorischen Bescheidenheit.

Im Zentrum steht Beethoven. Ein Beethoven, den wir gern als wuchtigen musikalischen Gipfelstürmer verkennen, der aber noch ganz andere Seiten hat. Aber im Zentrum steht auch das Klavier. Wie es sich aus dem Cembalo heraus entwickelt hat, das ist eine grosse Erfolgsgeschichte, die Christoph Kammertöns in einem gerade erschienenen Buch nachzeichnet. Immer grössere Zuhörerschaften hat sich dieses Instrument erschlossen – allerdings um den Preis eines Verlusts an Intimität.

Still und hingetupft

In diese Intimität nun führt András Schiff uns zurück. Man muss ihm nur zuhören, um den Gewinn wahrzunehmen. Zum Beispiel in der auf dem Brodmann Fortepiano gespielten Fughetta, der 24. Variation. Wie da die Töne still und hingetupft erklingen, das ist in Worten nicht zu beschreiben. Man atmet tief durch, wenn man solches hört.

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