Beethoven, jedesmal anders

Der Dirigent Mario Venzago wagt am Wochenende mit dem Berner Symphonieorchester ein Experiment. An drei Tagen spielt es Ludwig van Beethovens Werke für Klavier und Orchester. Für jedes Werk sitzt ein anderer junger Pianist am Klavier.

Rolf App
Merken
Drucken
Teilen
Mario Venzago (Bild: pd)

Mario Venzago (Bild: pd)

Man muss sich Mario Venzago als glücklichen Menschen vorstellen. Beschwingt kommt der bald 67jährige Dirigent aus der Probe mit dem Berner Symphonieorchester, das er seit fünf Jahren leitet. Mozarts «Jeunehomme»-Konzert KV 271 sitzt fast auf Anhieb, und Oliver Schnyder am Klavier macht seine Sache auch gut. Mario Venzago ist sehr zufrieden.

Noch zu selten auf Tournée

Noch immer reist Venzago viel und dirigiert zahlreiche andere Orchester. Umso grösseres Gewicht bekommt das Lob für «sein» Orchester. «Was ich mir technisch zum Ziel gesetzt habe, einen schlankeren Klang zum Beispiel, das erreiche ich mit dem Berner Symphonieorchester», sagt er. In den Proben herrsche eine enorme Disziplin, das Orchester reagiere schnell. Und es scheue auch vor langen, anstrengenden Proben nicht zurück.

«Was uns noch fehlt», sagt Mario Venzago, «das sind Tournées. Jeden Tag in einem andern Saal zu spielen, das bedeutet eine Herausforderung und erhöht auch das Selbstbewusstsein eines Orchesters.» Und: Die Erfahrung des gemeinsamen Reisens stärkt auch den sozialen Zusammenhalt unter den Musikerinnen und Musikern.

Das Beethoven-Projekt

Es sind allerdings auch Wagnisse wie jenes, das Mario Venzago am kommenden Wochenende in Bern unternimmt, die dem Orchester Schub geben. An drei Tagen führt das Berner Symphonieorchester alle fünf Klavierkonzerte auf, dazu die Chorfantasie und die von Beethoven selber erarbeitete Klavierfassung des Violinkonzerts. Der Clou des Ganzen: Jedesmal sitzt ein anderer Pianist am Klavier, und es sind ausnahmslos jüngere Pianisten, denen Venzago eine Chance geben will – und damit auch dem Publikum, das auf diese Weise sieben verschiedene Beethoven-Lesarten kennenlernen kann.

Am Freitag treten um 19.30 Uhr Christian Chamorel (Klavierkonzert Nr. 1) und Alexej Gorlatch (Nr. 5) aufs Podium des Kultur-Casinos, am Samstag zur selben Zeit Pavel Yeletskyi (Nr. 3) und Benjamin Engeli (Nr. 4), am Sonntag um 17 Uhr schliesslich Kirill Zwegintsow (Nr. 2), Ragna Schirmer (Bearbeitung des Violinkonzerts für Klavier) und Frank Düpree (Chorfantasie).

Ein neues Beethoven-Bild

Es ist auch ein anderer Ludwig van Beethoven, der da zu hören sein wird, denn das Beethoven-Bild hat sich sehr gewandelt. Zu erkennen ist das zuallererst an den rascheren Tempi. «Gott sei Dank ist etwas Wunderbares passiert», erzählt Mario Venzago. «Beethoven selber hat gesagt, das Tempo sei nicht Sache des Interpreten, sondern Teil der Komposition.» Noch Felix Mendelssohn Bartholdy habe sich deshalb an Beethovens Metronomangaben gehalten.

Wagner gegen Mendelssohn

Dann aber habe Richard Wagner Beethovens Pathos betonen wollen. «Mendelssohn als jüdischer Dirigent sei nicht massgebend, erklärte Wagner», sagt Venzago. «So bin auch ich noch mit einem sehr breit gespielten Beethoven aufgewachsen.» Doch habe er in Wien bei Hans Swarovsky den «anderen Beethoven» kennengelernt. «Und dann ist Dirigent John Eliot Gardiner gekommen und hat Beethoven auf Originalinstrumenten und im Originaltempo gespielt.»

Das hat jene Türe entriegelt, die heute weit offen steht und zu einem neuen Beethoven-Klangerlebnis führt. In Bern ist es am Wochenende geballt zu hören.

Programm und Karten unter www.konzerttheaterbern.ch