Bedeutender portugiesischer Künstler in Rorschach:
Seine Mona Lisa ist eine Afrikanerin

Das Forum Würth in Rorschach zeigt mit José de Guimarães einen Künstler, der sich durch viele Kulturen inspirieren lässt. Seine Bilder begeistern genauso wie seine Sammlung von Skulpturen.

Martin Preisser
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Das Magische dominiert die Rorschacher Ausstellung. Rechts das Werk «Rote Schlange und Totenkopf» (1997).

Das Magische dominiert die Rorschacher Ausstellung. Rechts das Werk «Rote Schlange und Totenkopf» (1997).

Bilder: Martin Preisser

Zwei Werke sollte man beim Hinaufgehen in den ersten Stock der Ausstellung auf gar keinen Fall übersehen. Im Treppenhaus ist das «Afrikanische Alphabet» des portugiesischen Künstlers José de Guimarães installiert: ein Reigen einer ganz speziellen Symbolsprache, der wie Grundbuchstaben zu den Arbeiten des 80-jährigen Künstlers wirkt. Guimarães bezeichnet sein Alphabet selbst als Basis seiner Arbeit, als sein «piktorales Universum». Ein Ideenschatz, der in seinen Bildern intensiv Eingang findet und sie mit ihrer speziellen Kraft unverwechselbar macht.

Neben dem Haupteingang zum Forum Würth lockt die Installation «Favela». Sie steht für den universellen Kulturbegriff des Künstlers. Schiessbudenfiguren, blinkende Herzen, Totenköpfe, die Flaggen Angolas, Brasiliens und Portugals: Alles integriert in Kisten, mit denen man sonst Kunst transportiert, ein wildes, aufregendes Sammelsurium von Eindrücken und Fundstücken.

José de Guimarães: «Der Tod», aus der Mexiko-Serie (1996).

José de Guimarães: «Der Tod», aus der Mexiko-Serie (1996).

Unterwegs wie ein Seefahrer der Kunst

Im 16. Jahrhundert war das weltentdeckende Portugal ein Global Player. Fast scheint es, als sei José de Guimarães seit Jahrzehnten als eine Art Seefahrer der Kunst unterwegs gewesen, um vielfältige Kulturen in sein Werk zu integrieren: Historische und aktuelle Globalisierung reichen sich die Hand.

290 Werke des Portugiesen besitzt die Sammlung Würth, 86 sind jetzt in Rorschach zu sehen. Mit Schwerpunkt auf Arbeiten, welche die Beschäftigung von Guimarães mit der afrikanischen und mexikanischen Kultur widerspiegeln. Da gibt es scharf abgegrenzte Flächen, segmentierte Motive, an Pop Art erinnernde Bildsprache, aber dann in grossformatigen Bildern auch das wilde Ineinanderfliessen von Farben und Strukturen, manchmal an das Eruptive von Jackson Pollock erinnernd.

Bausteinartig, eben sein eigenes Alphabet virtuos einsetzend, zeigt Guimarães Bilder, die stark von der Magie der jeweils zitierten Kultur aufgeladen sind. Seine Mona Lisa erscheint als Ikone der schwarzen Frau, ein Bild, das in die aktuelle Rassismus-Debatte passt. Der Künstler zeigt seine Welten kraftvoll, direkt, selbstbewusst, und eben voller Magie.

«Die Liebenden» (1995), vorne afrikanische Skulpturen aus der Sammlung des Künstlers.

«Die Liebenden» (1995), vorne afrikanische Skulpturen aus der Sammlung des Künstlers.

Guimarães ist auch anthropologisch unterwegs und ein Sammler etwa von afrikanischen Skulpturen, die in der Ausstellung einen spannenden Kontrapunkt zu seinen eigenen Arbeiten bilden. Es wirkt, als frage der Künstler ganz intuitiv die geheimnisvolle Ästhetik dieser eigentlichen Gebrauchsgegenstände ab und als lasse er sie in seine eigene Farb- und Formenwelt einfliessen.

Fetische, Götter und Menschen, Rituelles, Anklänge an mexikanische Scherenschnitttradition, aztekische Kultur, aber auch Klapperschlangenkulte der Hopi-Indianer im Süden der USA: Guimarães extrahiert sozusagen die Essenz dieser Kulturen, um sie in seinen eigenen Fantasien neu zu ordnen und zu interpretieren. Tod und Eros spielen eine wichtige Rolle. Einige eindrückliche Arbeiten zu diesem Thema geben der Ausstellung zusätzlichen Reiz. Und spannend ist eine Serie, in der Guimarães die «Darmstädter Madonna», ebenfalls im Besitzung der Sammlung Würth, ein Renaissance-Meisterwerk Hans Holbeins, neu interpretiert, wiederum mit seinem Alphabet.

Hinweis

Bis 25. April 2021;

www.wuerth-haus-rorschach.ch