Beckett über die Schulter geblickt

Peter Ries inszeniert nicht zum erstenmal in St.Gallen. Mit Kurzdramen von Samuel Beckett knüpft er an seine Lehrjahre an: Als dessen zeitweiliger Regieassistent. Am Freitag ist Premiere in der Lokremise.

Bettina Kugler
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Kein Endspiel: Mit den «Dramaticules» beleuchtet Regisseur Peter Ries einen Nebenschauplatz im Werk des Iren. Einst war er Becketts Assistent. (Bild: Urs Bucher)

Kein Endspiel: Mit den «Dramaticules» beleuchtet Regisseur Peter Ries einen Nebenschauplatz im Werk des Iren. Einst war er Becketts Assistent. (Bild: Urs Bucher)

Er lässt nicht auf sich warten wie Godot. Peter Ries sitzt schon da; er hat die Energie und Euphorie des schöpferischen Prozesses mitgebracht aus der Vormittagsprobe. Ein glücklicher Mensch, den das Unglück unseres Daseins umtreibt: ob es in Text und Setting eines Theaterstücks zum Ausdruck kommt, ob es uns im Sekundentakt über digitale Nachrichtendienste mit Bildern von Flüchtlingen oder Kriegsopfern überflutet oder in unmittelbarer Nähe sichtbar wird.

Wie neulich, am Rande einer Probe: als Polizei, Notarzt und Schaulustige schräg vis-à-vis vor dem Hochhaus der Fachhochschule standen und bange nach oben schauten. Auch davon wird Ries erzählen, nach seiner Erfahrung mit Samuel Beckett gefragt.

Verloren im Hier und Jetzt

Mit sechs Schauspielern des Theaters St. Gallen arbeitet der deutsche Regisseur gerade an einem bislang wenig beachteten und kaum bespielten Nebenschauplatz im Werk des Iren: den Kurzdramen, die Beckett in allen Schaffensphasen schrieb, gleichsam als Vorübungen für Stücke wie «Endspiel», «Warten auf Godot» oder «Glückliche Tage». Auf vielfältige Weise skizzieren und variieren diese «Dramaticules» Becketts Lieblingsthemen: die emsige Suche nach dem Nichts. Die Verlorenheit des einzelnen im Hier und Jetzt. Das Weiterleben an Zwischenorten, in Übergangssituationen.

Für Peter Ries ist St. Gallen ein solcher Zwischenort, sechs intensive Wochen lang – einer, an dem sich der Hannoveraner offenbar wohlfühlt. Eine ganze Reihe von Stücken hat er hier inszeniert, im grossen Haus («Buddenbrooks»), aber auch ausserhalb des Theaters. Urs Widmers «Top Dogs» etwa liess er in der Kundenhalle der Kantonalbank spielen.

Die Bühne als Energiefeld

Der Erfolg seiner Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelineks «Winterreise» vor zwei Jahren in der Lokremise hat ihn selbst ein wenig überrascht. «Das zeigte mir einmal mehr, dass man das Publikum nicht unterschätzen und nicht mit platter Unterhaltung abspeisen sollte», sagt er. «Es lässt sich herausfordern und ist bereit, mitzudenken, sich auf gewagte Ideen einzulassen.» Auf Stücke, die sich erklärtermassen der «Erklärwut» entziehen, die nicht melodienselig in ein Happy End münden.

Stücke aus Becketts Welt. Ries hat sie früh kennengelernt – an der Seite des Riesen aus Dublin höchstpersönlich. Auch deshalb wirkt er an diesem Tag so glücklich. Er arbeitet gern mit den Schauspielern, ihren Ideen, «diesen Beziehungsdingen», die im Austausch entstehen. Die Bühne ist für Peter Ries ein kommunikatives Energiefeld.

Was aber ist Glück, was Unglück? Beckett würde vielleicht eine seiner Figuren antworten lassen. «Ich bin nicht unglücklich genug. Das war immer mein Unglück: unglücklich, aber nicht genug», so heisst es in «Bruchstück». Peter Ries hat den Dramatiker dabei lebhaft vor Augen: diesen grossen, hageren Mann mit den strahlend blauen Augen, der Anfang der Sechzigerjahre, auf dem Gipfel seines Ruhmes, am Berliner Schillertheater Regie führte bei den deutschen Erstaufführungen seiner berühmten Stücke. Ries hatte das Glück, ihm in dieser Zeit zu begegnen und ihm als Regieassistent über die Schulter blicken zu können. «Er hatte eine irrsinnige Ausstrahlung», sagt er, «Beckett war eine sehr starke Persönlichkeit.»

Und ein notorischer Verweigerer. «Wenn man ihn fragte: <Was meinen Sie denn damit?> oder <Wer ist denn Godot?>, dann wich er der Antwort immer höflich aus», erinnert sich Ries. «Auf solche Fragen sagte er: <Ich weiss es nicht, geht doch bitte damit um.>» Gleichwohl hatte Beckett präzise Vorstellungen davon, wie seine Stücke auf die Bühne kommen sollten.

«Verfehle es besser»

Jahrzehnte später lässt sich Ries davon nicht irremachen. Um die bekannten Beckett-Titel hat er stets einen Bogen gemacht; die Kurzdramen aber warten schon lange in seiner Schublade, «arbeitsalt, wie ich nun einmal bin». Er sucht andere Zugänge, betont das spielerisch Leichte der Texte. «Pathetische Bedeutsamkeit scheint mir bei Beckett fehl am Platze. Das Scheitern, diese Leerläufe und Wiederholungen haben auch eine komische Seite.» Dazu passt für ihn die Musik von Willi Häne: ein clownesker Sound, der Fellini-Filme anklingen lässt. Was Beckett dazu gemeint hätte?

«Damals war es revolutionär, zu sagen: Hier sprechen A, B und C, egal ob Frau oder Mann. So etwas funktioniert heute nicht mehr», sagt Peter Ries. «Es hat übrigens auch seinerzeit nicht ganz funktioniert.» Zum Beckett-Spezialisten will er sich freilich nicht aufschwingen. Dafür hat er zu viel gelernt von ihm – die Quintessenz davon steht als Devise über der Webseite des Regisseurs. «No matter, try again, fail again, fail better.» – Nicht schlimm, versuch' es nochmal. Verfehle es nochmal. Verfehle es besser. Ob das nun grosszügig ist oder gnadenlos perfektionistisch: Beckett, der da zitiert wird, würde uns höflich schweigend auf die Antwort warten lassen.

Freitag 7.11., 20 Uhr, Lokremise