Beat Brechbühl ist einer der letzten Meister der Schwarzen und der Weissen Kunst

Ein Unermüdlicher wird 80: Beat Brechbühl. Er ist Schriftsetzer, Drucker, Verleger, Autor, Vermittler in Frauenfeld. Er gibt besonderen Texten eine Heimat und kümmert sich um Autoren, die in kommerziell ausgerichteten Verlagen keine Chance haben.

Dieter Langhart
Drucken
Teilen
Beat Brechbühl in seinem Atelier Bodoni in Frauenfeld. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Beat Brechbühl in seinem Atelier Bodoni in Frauenfeld. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Es gibt eine ganze Reihe BB: Brigitte Bardot, Boris Becker, Big Brother, Berninabahn, B&B oder .bb (die Top-Level-Domain des Inselstaats Barbados). Doch es gibt nur einen Beat Brechbühl (abgesehen von wenigen Namensvettern).

Ein Tausendsassa ist er. Beherrscht praktisch alles, was mit Papier zu tun hat, was haptisch und/oder poetisch ist: Bücher schreiben, Bücher drucken, Bücher herausgeben, Ausstellungen rund um Bücher und Papier veranstalten. Ein Wortmensch, wie er im Buche steht. Einer, den die «Flügel der Sehnsucht» überallhin tragen, wie sein jüngster Gedichtband heisst. «Vor einem Jahr hatte ich einen Wutanfall», schreibt er im Vorwort. «Weil ich merkte, dass ich zwei Jahre lang fast nichts Eigenes geschrieben hatte.»

Hansdampf in allen Gassen der Schwarzen Kunst

Oh ja! Der Beat Brechbühl kann auch wüten, kann lautstark wettern oder fluchen, wenn ihm etwas (oder einer) nicht zusagt. Dann mag BB eher für bärbeissig stehen. Wen er aber mag, wer sich für seine so vielfältige Arbeit interessiert, dem öffnet er sein grosses Herz, dem widmet er gern und locker eine, zwei Stunden seiner Zeit. Wo er die nur hernimmt?

Ich habe ihn immer wieder besucht: im Keller des Eisenwerks Frauenfeld, wo der Unermüdliche wirkt. Wo er dies aus Blei setzt (das hat er gelernt): Gedichte oder gute Sätze für seine Bodoni-Blätter und die Umschläge der Bücher, die er in seinem Verlag Waldgut herausgibt. Wo er die Blätter und Buchumschläge auf seiner Handpresse druckt. Die vermeintliche Unordnung (Platzmangel) und die Stapel (auf den Vertrieb wartende Bände) täuschen: Beat Brechbühl hält ­peinlich Ordnung, sonst wäre er vielleicht verloren.

Und wer nach Feierabend in der Eisenbeiz einkehrt, mag ihn bei einem Glas Roten antreffen, ihn lächeln sehen, sich zu ihm setzen, ihn auf Oppliger Deutsch erzählen lassen. Vielleicht von den Schnüff-Geschichten, in denen er eigene Jugenderlebnisse verpackt hatte, oder von «Kneuss», seinem ersten Roman. Oder von einem der Autoren, die in kommerziell ausgerichteten Verlagen keine Chance haben und die er seit 1980 herausgibt – unter ihnen der bosnische Lyriker Izet Sarajlić oder die Erzählerin Margaretha Dubach. Oder er erzählt von früher, vom Diogenes- und Zytglogge-Verlag, bei denen er einst leitende Funktionen innehatte, oder von seiner privaten Lyrikbibliothek, die er beim Umzug von Pfyn nach Frauenfeld loslassen musste.

Mitgründer der ­Frauenfelder Lyriktage

Einmal im Jahr wirkt Brechbühl noch umtriebiger und bleibt doch die Ruhe selbst. Dann organisiert er alternierend die Frauenfelder Buch- und Handpressenmesse und die Papierkunstausstellung «Papier & was» im Bodmanhaus zu Gottlieben: beliebte Treffpunkte für Liebhaber der Schwarzen und der Weissen Kunst.

Beat Brechbühl hat es immer mit der Lyrik gehabt. Gemeinsam mit dem Ermatinger Schriftsteller und Essayisten Jochen Kelter und der Thurgauer Kulturstiftung hat er die Frauenfelder Lyriktage ins Leben gerufen. Alle zwei Jahre bringen sie Autoren und Zuhörerinnen für Lesungen und Gespräche zusammen. Die kommende fünfzehnte Auflage findet vom 13. bis 15. September statt – natürlich im Eisenwerk Frauenfeld.

In seinem jüngsten, bei Wolfbach erschienenen Buch «Flügel der Sehnsucht» hat Brechbühl ein Experiment gewagt und einer Auswahl seiner früheren Lyrik neue Gedichte gegenübergestellt und sich gefragt: «Bestehen die damaligen Texte gegen die von heute?» Des Autors Ton wirkt nun abgeklärter, besänftigter.

In «Am Meer», einer Gruppe von kurzen Prosabetrachtungen in Ladispoli/Rom, taucht auch Beat Brechbühls Lebenspartnerin Margot auf, die in München lebt. «Margot sagt: Dieses Atmen des Meeres macht mich glücklich.»

Schreiben statt schlafen, zweifeln statt nicken

Brechbühl nahm des Nachts Stift und Papier, «wenn Margot jeweils schlafen gegangen und meine Hirnmaschine (noch) nicht abzustellen war». Im zweitletzten Text heisst es: «Margot schläft, träumt nichts davon. Erwacht manchmal, und moniert, dass ich nicht einschlafen soll. Schlafe überhaupt nicht, ich schreibe, das möchte ich weiterhin tun. Danke dem, der oder die mich das schreiben und noch nicht schlafen lässt. So, Schluss mit Jammern, Freitag, letzte Nacht in Ladispoli.»

Im letzten dieser Texte wieder der Weltkritiker und Weltzweifler: «Wir vergessen es ­immer wieder: Die Götter sind immer von den Menschen gemacht. Die Religionen auch. Das Meer ist nicht von den Menschen gemacht. Vielleicht sind die Menschen vom Meer gemacht. Vielleicht auch nicht.»

Danke, Beat Brechbühl, der du uns nicht schlafen lässt, der du uns Besonderes lesen lässt.

Mazedonien ehrt den «letzten Mohikaner»

Der Frauenfelder Verleger Beat Brechbühl ist auch erfolgreich als Schriftsteller. Jetzt wird ihm der Grosse Preis am Internationalen Poesiefestival im mazedonischen Tetovo verliehen.
Dieter Langhart

Poesie – von Hand und von Herzen

Unermüdlich ist er auch mit 76. Beat Brechbühl gibt in seinem Waldgut-Verlag im Eisenwerk Frauenfeld handverlesene Bücher heraus: Lyrik und Prosa aus der Schweiz und aus fremden Ländern. Unterm selben Dach setzt er die Umschläge in Blei, von Hand also.
Dieter Langhart