BAUTECHNIK: Der hängende Weinladen

Das St. Galler Weinhaus Martel hat in Zürich eine Filiale eröffnet. Das ist nicht nur für Weinliebhaber interessant. Denn mit dem neuen Geschäft hat der Weinhändler Architekturgeschichte geschrieben.

Beda Hanimann
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Messingstangen und fehlende Fussleisten deuten es an: Die ganze Einrichtung hängt an der Decke. (Bilder: PD)

Messingstangen und fehlende Fussleisten deuten es an: Die ganze Einrichtung hängt an der Decke. (Bilder: PD)

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Wer den Laden beim Zürcher Bellevue betritt, unten an der ­Rämistrasse und wenige Schritte von der «Kronenhalle» entfernt, stellt nichts Verdächtiges fest. Und ahnt nichts von Jan Martels schlaflosen Nächten im vergangenen Sommer. «Ich hätte das nicht gebraucht, diesen Zusatzaufwand, die höheren Kosten», blickt Martel zurück. «Aber dann habe ich Spass bekommen an der Vorstellung: Wir bauen etwas, was es auf der Welt nicht gibt.»

Die seit mehreren Jahren verfolgte Absicht des St. Galler Traditionsbetriebs, nach Zürich zu expandieren, nahm letzten Frühling Fahrt auf, als Jan Martel über Beziehungen auf die Liegenschaft an der Rämistrasse stiess. Erbaut 1935, die Schlichtheit des Neuen Bauens, das Erdgeschoss beherbergte ursprünglich eine Tankstelle. Eine Toplage. Es musste schnell gehen, Martel war begeistert, griff zu.

Das Konzept hatte er schon im Kopf. «Wir wollten keine Weinboutique mit einigen dekorativ plazierten Flaschen. Wir wollten die Weinkultur zeigen, der Wein sollte präsent sein», sagt er. Das bedeutete: Im Laden würden 10000 Flaschen liegen, 13 Tonnen also, nochmals so viel von den Gestellen, dazu das Gewicht von gegen 400 Personen anlässlich der Veranstaltungen. In einer schlaflosen Nacht vergegenwärtigte sich Martel die Gegebenheiten: 1935 war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Stahl war teuer. Untersuchungen und Berechnungen bestätigten seine Befürchtungen: Die Statik im denkmalgeschützten Gebäude reichte nicht aus für das vorgesehene Gewicht. «Das war eine ziemliche Ernüchterung», erinnert er sich.

Alles zum Fliegen bringen

Doch er entschloss sich, am Konzept festzuhalten. «Die Lösung hiess: Wir müssen alles hier drin zum Fliegen bringen und so den Boden vom Gewicht entlasten», erläutert Martel auf einem Rundgang. In der Folge wurde im Raum zwischen dem Laden und der oberen Etage aus 8,5 Tonnen Stahl eine tragfähige Konstruktion eingebaut. An dieser wurden Stelzen befestigt, an denen wiederum die Regale hängen. 360 Meter Messingstangen wurden verbaut. Das Ergebnis: «Da geht kein Kilo auf den Boden», sagt Martel. Erkennbar ist der Trick kaum, nur die fehlenden Fussleisten bei den Mittelgestellen deuten an, dass hier etwas anders ist. Dass die Martel-Filiale ein hängender Weinladen ist. Ein wohl weltweites Unikum also.

Die Expansion nach Zürich sieht Martel als weitere Pioniertat des Traditionsbetriebs. 1963 hatte er als erstes europäisches Weinhaus Weine aus Übersee importiert, 1995 den ersten Webshop der Deutschschweiz lanciert. «Mit der Filiale wollen wir in einer Zeit des Ladensterbens und des Online-Booms näher an die Kundschaft», sagt Martel, für den Laden- und Online-Kunden nicht unterschiedliche Segmente sind. Entsprechend wird der neue Laden auch für Veranstaltungen und als Apéro-Bar genutzt.

Martel am Bellevue Zürich Rämistrasse 14 www.martel.ch