Tanz
Protzen mit dem King of Pop

In der Kaserne Basel verbinden die Performer Steven Schoch und Chris Handberg Grössenwahn und Anpassung.

Bettina Hägeli
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Der Chor singt Jacksons «Heal the world». Aber hat uns der Song aus den Neunzigern weitergebracht?

Der Chor singt Jacksons «Heal the world». Aber hat uns der Song aus den Neunzigern weitergebracht?

Zvg/Georg Faulhaber

Für alle, die von Friedrich Nietzsche und von Michael Jackson gleichermassen begeistert sind, ist die Performance «Moontalker» fast ein Must. Für diejenigen, die sich lediglich vom – auf den ersten Blick – verblüffenden Bezug der beiden ausgewählten Persönlichkeiten angezogen fühlen: Es ist «nice to have», wenn man sich vorher kurz in die Geschichte Nietzsches, insbesondere in seine letzte Lebensphase, einlesen kann.

Erst dann schlüsseln sich einem die im Bühnenbild, in den Kostümen und Requisiten enthaltenen Verweise vollständig auf. Zumal Symbole gekonnt in neue Zusammenhänge gebracht werden, sodass sich ihr Sinn verändert.

Wie Marionetten seitlich angebunden

Die Kenntnis der ikonenhaften Posen von Michael Jackson darf beim Publikum vorausgesetzt werden. Längst hat es sich in das kollektive Musikwissen eingeprägt, wie er sich in Schieflage zu bringen vermochte, dem Sturm standhielt und wie er im Gegenlicht seine Silhouette mit Hut präsentierte.

Dass die Sängerinnen und Sänger des Chors, um in «Moontalker» dieselbe Schieflage einnehmen zu können, wie Marionetten seitlich angebunden sind, bringt das ursprüngliche Bild nicht nur ins Wanken. Vielmehr lässt es sich nun dahin gehend interpretieren, dass dies mit Friedrich Nietzsches Weltanschauung zusammenhängt.

Schliesslich müssen die Menschen aus seiner Perspektive die Menschen fortwährend kämpfen, um ihre Freiheit zu erlangen und von Vorgegebenem loszukommen. Im geschaffenen Bild von Steven Schoch und Chris Handberg werden die Gesangskünstler so lange zurückgehalten, bis sie plötzlich losgelassen werden und zunächst ins Leere treten.

Der Traum, der Heilung verspricht

Schoch alias «Moontalker» berichtet über seine Selbstzweifel und über seine Selbstwahrnehmung. Seine sonore Stimme wird über Lautsprecher verstärkt und man weiss nicht recht, ob man hier gerade einem Vortrag zur Selbstfindung beiwohnt, oder ob Gott zu einem spricht.

Steven Schoch als Moontalker.

Steven Schoch als Moontalker.

Zvg/Georg Faulhaber

Derweil bietet der Chor einen Einblick in eine Probe inklusive Atemübungen und Einsingen. Dabei zu sein, wie sich die Zusammenarbeit mit der Chorleiterin so einvernehmlich und harmonisch gestaltet, fühlt sich ganz nett an.

Doch was so unbedarft daherkommt, ist für «Moontalker» gehaltvoll. Denn der Chor ist Teil von dessen Träumen, in welchen er sich endlich angenommen und aufgehoben fühlt. Er kommt zur Erkenntnis, dass der Platz in der Mitte des Chorkreises ihm zusteht: «The place in the circle is mine.»

Manipulativer Grössenwahnsinn

Das Vage, das Brüchige, das Ambivalente der Performance ist ganz offensichtlich geplant. Steven Schoch und Chris Handberg gelingt nicht nur eine stimmige Mischung von darstellender, von bildendender Kunst und Sounddesign. Darüber hinaus kreieren sie eine Balance zwischen der Reflexion über menschliches Verhalten und dem unmittelbaren Erleben von ebensolchem.

Der Grössenwahnsinn ist brisant, gerade weil er selbstreflektiert wird. So fühlt es sich lächerlich bis ärgerlich an, dass sich der Referierende dermassen spannend fühlt, obschon wir ihm bei belangloser Fachsimpelei über Gänsefedern zuhören müssen. Aber das Auslösen dieser Gefühle ist durchaus beabsichtigt, was das Manipulative des Narzissten umso deutlicher auf den Punkt bringt.

Das leicht verdauliche Vortragen von Jacksons «Heal the World» – die Leistung des Chors ist durchaus zu loben – wirft einen auf etliche Fragen zurück. Unter anderem auch auf eine ganz simple: Hat uns dieser Song aus den 90ern weitergebracht? Vor dem Hintergrund der aktuellen Berichterstattung klingt das Musikstück heute beinahe wie eine Farce. Kein Jesus scheint uns zu befreien, auch Michael Jackson nicht. Gerade, weil der Grössenwahn weiter floriert. Ätsch.

«Moontalker»
Kaserne Basel, Reithalle,
3.6. und 4.6., 20 Uhr,
www.kaserne-basel.ch