Picasso – El Greco
Spanischer Zweikampf im Kunstmuseum Basel

In der aussergewöhnlichen Doppelausstellung «Picasso – El Greco» treffen im Kunstmuseum Basel zwei spanische Meister aufeinander.

Hannes Nüsseler
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Finde den Unterschied: Im Kunstmuseum laden Gemälde von El Greco und Picasso zum Direktvergleich ein.

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Keystone / Georgios Kefalas

Picasso, das einsame Genie? Im Atelier des Spaniers muss mitunter ein rechtes Gedränge ­geherrscht haben, zumindest in Picassos eigener Wahrnehmung: Er habe das Gefühl, dass ihm alle Maler – alte und neue, gute wie schlechte – bei der Arbeit über die Schulter blickten, liess er einmal verlauten. Aus ­diesem imaginären Künstlerpulk stach eine Gestalt mit Spitzbart und wundersam verlängerten Gliedmassen besonders heraus: Dominikos Theotokópoulos, genannt El Greco (1541–1614).

«Für mich war El Greco wie ein Onkel», erklärt Picassos Tochter Paloma anlässlich der Präsentation der neuen und ­verblüffenden Sonderausstellung «Picasso – El Greco» im Kunstmuseum Basel. Obwohl schon seit Jahrhunderten verstorben, war der Maler in Picassos Künstleralltag stets präsent, selbst in seinen Werken. Die Schau zeigt anhand von rund 30 Gegenüberstellungen von Gemälden der beiden Künstler, wie Picasso in einem lebenslangen Dialog mit El Greco stand. Und wie sein Rückgriff auf Altes etwas radikal Neues ermöglichte.

«El Greco war kein Kubist», betont Paloma Picasso, obwohl die Ausstellung gerade diesen Schluss nahelegt. Zumindest, so Kuratorin Carmen Giménez, habe der Kubismus mit dem einst aus Griechenland über Italien nach Spanien eingewanderten Maler begonnen. Nachdem der spanische König eine Auftragsarbeit des wunderlichen Griechen verschmäht hatte, war El Greco auf sich allein gestellt. «Er war ein Freigeist», so Giménez. Losgelöst vom spanischen Königshof entwickelte der Maler seinen eigen- und einzigartigen Stil, der nach dessen Tod weitgehend ignoriert und erst um 1900 von der Avantgarde wiederentdeckt wurde.

Picassos Vorliebe für Herren mit spitzen Bärten

Und El Grecos Bildfindungen sind noch heute frappant: Übermässig in die Länge gezogen, wirken die Figuren und Porträts beinahe so, als würde man sie von der Seite betrachten, selbst wenn man ­direkt vor der Leinwand steht. Dafür fällt in den Bildhintergründen die Zentralperspektive als wichtige Errungenschaft der Renaissancemalerei weg, die Bildformate schiessen in die Höhe, passenderweise etwa bei einer «Auferstehung Christi», auf der ein bleicher Erlöser vor dem Farbgewimmel der Wächter in den Himmel aufsteigt.

Kennen und schätzen gelernt hatte Picasso El Greco während der Studienzeit, als er das Museo del Prado besuchte. Die «italienisch-dekorativen» Heiligenbilder mochte er nicht, dafür die Porträts von «Herren mit spitzen Bärten» umso mehr. ­Picasso malt sich selbst mit Spitzbart in Öl, auf etlichen Zeichnungen hält er die ausgemergelten Gesichter und Halskrausen spanischer Edelmänner fest. Als ein Malerfreund stirbt, entlehnt Picasso für «Das Begräbnis Casa­gemas» gleich den ganzen Bildaufbau von El Grecos «Anbetung des Namens Jesu». Nur dass die himmlische Vision bei Picasso zur fröhlichen Bordellszene wird – die Engelscharen waren dem erklärten Atheisten dann doch zu abgehoben.

«L'Aficionado» (1912) und «Der heilige Paulus» (um 1585).

«L'Aficionado» (1912) und «Der heilige Paulus» (um 1585).

Keystone / Georgios Kefalas

Das Vergleichen der Gemälde ist nicht nur ein spielerischer Genuss, sondern durchaus auch gewollt, hat sich Picasso doch bei aller Radikalität klassischer ­Motive bedient und so den Wettbewerb mit den alten Meistern gesucht. Expressive Gesten, Blicke, Farben – das Zwie­gespräch und der Zweikampf finden mit allen Mitteln statt. Und je abstrakter Picasso, desto spannender die Zusammenstellungen: Da zerspringen etwa die Falten im Mantel des «Heiligen Bart­holomäus» zum kubistischen Kaleidoskop von Picassos «Le Poète».

«Ein absolutes Highlight», so Josef Helfenstein. Zehn Jahre lang habe man Museen bekniet, um die Apostel und alle übrigen Leihgaben zusammenzubekommen, erzählt der Museumsdirektor und Co-Kurator. Zum Glück wurden die Gebete erhört.

«Picasso – El Greco», Kunstmuseum Basel, 11. Juni bis 25. September. Vernissage: Fr, 10. Juni, 18 Uhr. www.kunstmuseumbasel.ch