BAROCK: Prachtvolle Selbstbehauptung

Die St. Galler Stiftsbibliothek widmet ihre neue Ausstellung einer Zeit, in welcher der Katholizismus bedrängt ist. Im Barock erreicht er auch baulich eine neue Blüte: Der Stiftsbezirk bekommt seine heutige Gestalt.

Rolf App
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Franziska Schnoor und Josef Grünenfelder stellen die neue Barock-Ausstellung vor. (Bild: Hanspeter Schiess)

Franziska Schnoor und Josef Grünenfelder stellen die neue Barock-Ausstellung vor. (Bild: Hanspeter Schiess)

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@tagblatt.ch

Das Messgewand ist ein besonderes Stück, es bildet denn auch unübersehbar die Mitte der Winterausstellung in der St. Galler Stiftsbibliothek. Die Mönche haben es Fürstabt Gallus Alt zum Namenstag am 16. Oktober 1685 geschenkt, es ist voller prachtvoller Illustrationen und barocker Sprachspielereien. Und, «sehr passend für St. Gallen», wie Stiftsbibliothekar Cornel Dora sagt, «es ist aus Pergament». Denn der Stiftsbezirk ist nicht nur mit seinen Bauten Weltkulturerbe, er ist seit Ende Oktober mit Stiftsarchiv und Stiftsbibliothek auch Welt-Dokumentenerbe. «Eine schöne Barockkirche haben andere auch», sagt Dora, «nicht aber einen derart reichen Bestand an Handschriften.»

Freilich: Auch die vor 250 Jahren gebaute Kathedrale hat es in sich. Das zeigt ein vom Kunsthistoriker Josef Grünenfelder herausgegebenes Buch, das heute zur Eröffnung der Winterausstellung vorgestellt wird. Fünfzig Jahre nach der grossen Innenrestaurierung erläutert es all die Kunstwerke, die dabei zum Teil erst wieder zutage getreten sind. Etwa die im 19. Jahrhundert übermalten Deckengemälde. «Man findet da eine Menge an Assoziationen und Anspielungen, die für uns Heutige nicht mehr so ohne Weiteres verständlich sind», sagt Grünenfelder, der die Kirche von Kindsbeinen an kennt.

Es ist, hundert Jahre nach der Reformation, eine Neubesinnung des Katholizismus, die sich im Barock vollzieht. «Zwei Gesellschaften fangen an, sich voneinander abzugrenzen», beschreibt Cornel Dora das zähneknirschende Nebeneinander von Reformierten und Katholiken gegen das Ende des 17. Jahrhunderts hin. Die Menschen in diesem katholischen Universum fühlten sich aufgehoben. «Die Welt ist ausgerichtet aufs Göttliche», sagt Dora. «Der Barock drückt das auch baulich aus. Denn der Klosterbezirk wird neu gestaltet.»

Heilige verehren und viele Feste feiern

Die Ausstellung in der Stiftsbibliothek leuchtet dieses barocke Universum, deren Produkt der Saal selber ist, in verschiedene Richtungen aus. Dass die Buchkunst vor allem im liturgischen Bereich weiter wichtig ist, bezeugt etwa das ganz wunderbare, in feinsten Strichen gefertigte Antiphonar des Dominikus Feustlin. Einen enormen Aufschwung nimmt die Festkultur. 1578 entdecken Arbeiter in Rom die erste Katakombe. «Die geborgenen Knochen werden an Interessenten nördlich der Alpen verkauft», erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Franziska Schnoor. So kommen über 200 «heilige Leiber» allein in die Schweiz und werden hier als Reliquien verehrt. Auch das Theater hat Hochkonjunktur. Eines der im Kloster aufgeführten Stücke zum Leben des heiligen Otmar hat eine Dauer von elf Stunden und erfordert 85 Rollen. Dies dient ebenso der Behauptung gegen die Kräfte der Reformation wie das Unterhalten einer eigenen Druckerei. «Auch im Bildungswesen war das Kloster unter Druck», erklärt Cornel Dora mit Verweis auf ein Schulbuch der damaligen Zeit. Lesen lernen die Buben und Mädchen da an religiösen Texten.

Die Handschriften haben schon Kultstatus

Die Bibliothek ist damals schon Anziehungspunkt für Gelehrte aus nah und fern, erklärt Karl Schmuki, der stellvertretende Stiftsbibliothekar. «Die Handschriftensammlung hatte fast schon Kultstatus.» Manchmal mit ruinösen Folgen: In den 1760er-Jahren werden mehrere Pergamenthandschriften ins Kloster St. Blasien im Schwarzwald ausgeliehen, drei davon werden bei einem Brand vernichtet. Glimpflicher kommen jene Handschriften davon, die der französische Hof 1673 erbittet. Sie kehren im Jahr darauf zurück, allerdings versehen mit den Anmerkungen des Bibliothekars Etienne Baluze.

Die Winterausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen wird heute um 17.30 Uhr im Chor der Kathedrale eröffnet. Dabei wird auch das Buch von Josef Grünenfelder über die Kathedrale vorgestellt.