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Die Zürcher Intendantin Barbara Frey gibt ihren Abschied:
Ein musikalisches Ineinander von Lebenden und Toten

Barbara Frey beendet ihre zehnjährige Intendanz in Zürich mit Texten von James Joyce. Näher können sich Musik und Literatur kaum kommen. Eine hoch-artifizielle Produktion, der es allerdings an Leben fehlt.
Valeria Heintges
Die hochmusikalischen Schauspieler im Frack haben nicht viel zu lachen. (Bild: PD)

Die hochmusikalischen Schauspieler im Frack haben nicht viel zu lachen. (Bild: PD)

Musik und Literatur – die Kombination war Barbara Frey immer die liebste. Im Projekt «Die Toten» mit Texten von James Joyce, der lange Jahre in Zürich lebte, hier starb und begraben ist, kommt beides so dicht zusammen wie selten. In die gleichnamige letzte Erzählung aus den «Dubliners» mixt Frey Passagen aus «Ulysses» und «Finnegans Wake». Diese sollen vor allem zeigen, wie musikalisch die Texte sind, wie das Hören die so sperrigen Werke öffnen kann.

Fünf hochmusikalische Schauspieler und mit Jürg Kienberger einen in der ganzen Bandbreite der Musik bewanderten Klangkünstler braucht Frey für ihre Totentextmesse in moll. Auf der Drehbühne des Pfauen drei komplett schwarze Räume von Martin Zehetgruber. Die Kostüme von Bettina Walter: sechs Fracks für alle, am Ende ein langes, dunkelviolett-braunes Abendkleid für Lisa-Katrina Mayer. Beinahe beiläufig trägt Claudius Körber die Erzählung «Die Toten» vor, zwischendurch spricht Michael Maertens die Figur Gabriel Conroy.

Gretta liebte einen anderen Mann

Conroy kommt mit seiner Frau Gretta auf eine Familien-Feier seiner Tanten, wird als Vaterlandsverräter beschimpft, hält eine Tischrede und erfährt von Gretta, dass sie als junges Mädchen einen anderen Mann liebte. Der wollte Gretta damals, obwohl todkrank, vor ihrer Abreise noch einmal sehen, und starb zwei Wochen später an den Folgen des Ausflugs, gerade mal 17 Jahre alt. Völlig desillusioniert realisiert Gabriel, dass seine Frau ihm ein Leben lang fremdgeblieben ist. Seine Trauer ist endlos. «Seine Seele hatte sich jener Region genähert, wo die unermesslichen Heerscharen der Toten ihre Wohnung haben», heisst es im letzten Absatz der Erzählung. Dieses Ineinander von Lebenden mit Toten bringt Barbara Frey auf die Bühne, als Treffen der Romansprache mit Klang, Musik, Rhythmus. Oft singen die Schauspieler, oft sprechen sie im Chor; aber auch dann ist ihr Sprechen mehrstimmig.

Die Musik ist in dieser Arbeit da und nicht da, schwebt zu Beginn taktweise durch die Zimmer, Kienberger lässt hier einen bekannten Walzer, dort eine Volksweise anklingen. Die Schauspieler erscheinen, wiegen sich, als würden sie bei einer Beerdigung den Sarg tragen und synchron laufen müssen, um nicht zu stolpern. Minutenlang sprechen sie die Namen von Menschen, die den Geburtstag des Oberförsters besuchen. Mrs. Hundertlaub, Mrs. Röhricht, Miss Wildreb. So geht das ewig weiter. Ein bisschen komisch und sehr, sehr merkwürdig. Elisa Plüss singt von einem Mann, dem ein Mädchen die Hochzeit verspricht. Der Rhythmus ein Volkslied, der Inhalt: todtraurig. Benito Bause beschreibt das Essen auf der Party mit einer Begeisterung, als würde er den ewigen Weltfrieden verkünden. Mal sitzen sie alle am Tisch, stocksteif. Bewegen kaum eine Miene. Und berichten, wie das aussieht, wenn sich eine Leiche in der Erde zersetzt. «Vergammelnder salzweisser Leichenbrei: riecht, schmeckt wie rohe weisse Rüben.»

Die Trauer hängt über allem, und alle sind ruhig und nett

Dann hält Gabriel die Rede für seine Tanten – und sie unterbrechen ihnn. Blitzartig fällt das Licht auf sie, blitzartig sind sie wieder weg. Alles ist durchzogen von Trauer, um die schon Toten, um das kleine bisschen Leben. Nie fällt ein böses Wort, alle sind ruhig, höflich, beherrscht. Das ist perfekt auf den Punkt gespielt, ist hochmusikalisch und hochgekonnt dargeboten, vom ganzen Ensemble. Aber doch sind die Stühle im Pfauen nach fast zwei Stunden so unbequem wie selten. Das Hoch-Künstlerische ist selbst Hoch-Artifiziell. Es fehlt ihm aber auch selbst ein wenig an Leben.

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