BAND: Vollgas im Pop-Modus

Von ihrem harten Crossover der Anfangsjahre hat sich Linkin Park in den letzten 20 Jahren wegentwickelt. Ein harter Schlag für Fans der ersten Stunde, für alle anderen aber durchaus ein Hörgenuss.

Reinhold Hönle
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Interview: Reinhold Hönle

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@tagblatt.ch

Chester Bennington, Ihr neues Album klingt äusserst poppig, laute Gitarren und Geschrei fehlen komplett. Was haben Sie beim Songwriting verändert?

Nun, in der Vergangenheit haben wir zuerst bis zu 50 Demo-Tapes aufgenommen. Dann haben wir geschaut, welche Musik uns zu Melodien und Texten inspiriert. Diesmal sind wir umgekehrt vorgegangen und haben aus unseren Emotionen in Echtzeit Songs entstehen lassen. Alle waren innert Tagesfrist fertig.

Weshalb kamen Sie nicht schon früher auf diese Idee?

Rick Rubin, mit dem wir bei ­«Minutes To Midnight» erstmals ­zusammenarbeiteten, hatte sie schon vor zehn Jahren. Er war überrascht, dass wir als Rockband so erfolgreich sind, obwohl wir wie Hip-Hop-Produzenten Tracks kreieren, bei denen sich der Text nach den Beats zu richten hat.

Sie haben eine «Battle Symphony» geschrieben. Was hören Sie selbst, wenn Sie Sport machen?

Wenn ich Sport treibe, verzichte ich meistens auf Musik. Manchmal lasse ich The Outcast oder Mastodon laufen, höre aber nicht auf die Texte. Beim Trainieren sind mir nur das Tempo und die Energie wichtig. Umgekehrt bin ich sicher, dass auch die Leute, die sich beim Joggen gerne zu Linkin Park verausgaben, nicht auf den Inhalt der Lieder achten.

Ziehen Sie Grenzen bei dem, was Sie in Songtexten von sich preisgeben?

Als ich während der Arbeit am letzten Album informiert wurde, dass sich ein Freund umzubringen versucht hat, war ich geschockt. Einerseits hätte ich es widerwärtig gefunden, so etwas auszuschlachten, anderseits bin ich als Songschreiber auf starke Gefühle angewiesen, die in ­ mir etwas auslösen. So entstand ­daraus «Wastelands», das davon handelt, was alles auf unserer Welt schiefläuft.

Linkin Park ist die Band mit der grössten Facebook- Fangemeinde – 62 Millionen Anhänger. Wie nutzen Sie die sozialen Medien privat?

Ich habe ein eigenes Facebook-Konto, um in der Familie und mit Freunden zu kommunizieren, ­bevorzuge aber Instagram und insbesondere Twitter. Da 140 Zeichen das Maximum sind, kann mir auch niemand eine fünfseitige Antwort schicken, obwohl doch ein «Juhu Herz Smiley Daumen hoch» genügen würde.

Ihre Tätowierungen senden auch eine Message. Was wollen Sie mit ihnen sagen?

Wenn ich meine Tattoos als ­Psychologe analysieren müsste, würde ich sagen: «Ich habe keinen Schimmer, ob dieser Typ eine Ahnung von dem hat, was er sich stechen lässt!» Bei mir sind die Tätowierungen über den ­ganzen Körper verteilt. Die Mischung ist fast so vielfältig wie meine Plattensammlung. Darunter ist ein japanisches Tattoo, ein traditionelles amerikanisches Tattoo und ein abstraktes verrücktes Ding, das ein Kerl frei Hand entwarf, ohne dass ich eine Ahnung hatte, was es würde.

Weshalb sind Sie 2015 nach zweieinhalb Jahren wieder bei den Stone Temple Pilots ausgestiegen?

Als alles gut lief und ich gesund war, arbeitete ich mit den Stone Temple Pilots, wenn bei Linkin Park nichts lief, und umgekehrt. Als ich mich jedoch beim Basketballspielen verletzte, merkte ich, dass ich mich nun auf das Wesentliche konzentrieren musste: meine Reha und Linkin Park. Lustigerweise scheinen meine Kinder vor mir gespürt zu haben, was wichtiger ist.

Weshalb?

Wenn ich mit Linkin Park auf Tournee ging, haben sie sich gefreut, und wenn ich wegen der Stone Temple Pilots wegging, waren sie aufgebracht. Seitdem ich wieder fit bin, fokussiere ich mich nun ganz auf Linkin Park und meine Familie – und das ist für mich genug.

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