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Ballett Zürich: Atemlos, fiebrig, rasant - Hommage an eine Legende

Bis heute ein Mythos, tänzerisch unerreicht: Vaslav Nijinski revolutionierte die Tanzwelt. Das Ballett Zürich lotet in Marco Goeckes berührenden Choreografie «Nijinski» die Seelenlandschaften des Ausnahmetänzers aus.
Julia Nehmiz
Jan Casier (Nijinski, Mitte), Wei Chen und Riccardo Mambelli erinnern tanzend an Petruschka. (Bild: Carlos Quezada)

Jan Casier (Nijinski, Mitte), Wei Chen und Riccardo Mambelli erinnern tanzend an Petruschka. (Bild: Carlos Quezada)

Er kauert auf dem Boden. Um ihn der riesige schwarze Raum – leer. Mit seiner Faust umklammert ­Nijinski einen Stift. Krampfhaft krallt er sich daran fest, als könne das kleine Utensil ihm Halt geben. Schneller und in immer grösseren Bewegungen kritzelt er auf den Boden, Kreis um Kreis um Kreis. Er stockt. Doch da ist kein Trost, kein Halt, nirgends. Chopins tröstende Klänge aus dem Orchestergraben erreichen ihn nicht mehr. «Vaslav Nijinski», flüstert eine Stimme ins Mikrofon. «8. April, 1950.»

Das Todesdatum des begnadeten Tänzers, der in kurzer Zeit die Ballettwelt revolutionierte, die Welt lag ihm zu Füssen, und der dann 30 Jahre in Schizophrenie langsam erlosch.

«Zehn Jahre wachsen, zehn Jahre lernen, zehn Jahre tanzen, 30 Jahre Finsternis.»

So fasste Nijinskis Biograf dessen Leben zusammen.

Nijinski (Jan Casier) entdeckt und erobert die Welt des Tanzes. (Bild: Carlos Quezada)

Nijinski (Jan Casier) entdeckt und erobert die Welt des Tanzes. (Bild: Carlos Quezada)

Der deutsche Choreograf Marco Goecke hat einen berührenden, tiefschichtigen Abend erschaffen. «Nijinski» heisst er schlicht. Und lässt in eineinhalb Stunden Person, Legende und den Traum vom Tanz auferstehen. 2016 mit der Kompanie Gauthier Dance in Stuttgart uraufgeführt, entwickelte Goecke mit dem Ballett Zürich die Arbeit weiter. Das Publikum bejubelte die Schweizer Erstaufführung am Samstag frenetisch.

Hände flattern, Körper zucken

Marco Goecke ahmt kein Biopic nach, er lotet Seelenlandschaften aus. Fiebrig, atemlos, in rasendem Tempo, in Goeckes eigener Tanzsprache, die die Zürcher Kompanie perfekt umsetzt. Hände flattern, Körper zucken, Arme kreisen, impulsiv, kraftvoll, hektisch – Goeckes Bewegungsvokabular erzeugt eine unglaubliche Intensität. Perlende Chopin-Klavierkonzerte, von der Philharmonia Zürich und Pianist Adrian Oetiker mit trockenem klaren Klang interpretiert, erschaffen eine Gegenwelt.

Biografisches wird zitiert, nur wenige reale Figuren treten auf: Mutter, Freund, Ehefrau, Förderer und Liebhaber Diaghilew. Goecke geht darüber hinaus, er entwirft ein Universum der Empfindsamkeiten. Irrsinn, Begehren, Homoerotik, Finsternis, Einsamkeit, die Muse des Tanzes, flirrende Libellen – und macht damit Nijinskis Innenleben sichtbar.

Exzellente Darsteller: Diaghilew (William Moore) betört seine Entdeckung Nijinski (Jan Casier). (Bild: Carlos Quezada)

Exzellente Darsteller: Diaghilew (William Moore) betört seine Entdeckung Nijinski (Jan Casier). (Bild: Carlos Quezada)

Vaslav Nijinski, der russische Ausnahmetänzer, 1889 geboren, der die Schwerkraft ­aushebelte, mit dem Ensemble «Ballets russes» unter Diaghilews Leitung rauschende Erfolge feierte, mit eigenen Choreografien den Tanz in die Moderne katapultierte und 1913 in Paris einen riesigen Skandal auslöste. Nach seiner Hochzeit mit Tänzerin Romola, die Jahre auf eine Beziehung zu ihm hinarbeitete, wird er vom eifersüchtigen Diaghilew rausgeworfen. Es ist der Anfang vom Ende. 1919 bei einem letzten Auftritt in St. Moritz bricht bei Nijinski Schizophrenie aus. Den Rest seines Lebens verbringt er in Nervenheilanstalten, schreibt Tagebuch, und zeichnet: Kreise.

Tänzer Jan Casier im Rausch der Gefühle

Marco Goecke zeigt einen ­assoziativen Bilderreigen, zitiert Nijinskis berühmte Rollen und Choreografien. Goecke findet in seiner rasenden Sprache mit den 30 Tänzerinnen und Tänzern die perfekte Balance zwischen rastloser Unruhe und Momenten grösster Intimität.

Nichts lässt die Dunkelheit aufhellen: Nijinski (Jan Casier), der Jahrhunderttänzer, versinkt in Finsternis. (Bild: Carlos Quezada)

Nichts lässt die Dunkelheit aufhellen: Nijinski (Jan Casier), der Jahrhunderttänzer, versinkt in Finsternis. (Bild: Carlos Quezada)

Mehr als am Biografischen liegt ihm an der künstlerischen Kraft, die sich in Nijinski Bahn bricht. Wie Tänzer Jan Casier diesen Rausch der Gefühle, den Wandel vom schüchternen Bub zum rastlosen, getriebenen Ausnahmetänzer, dieses unglaubliche Leben zwischen Genie und Wahnsinn aufleben lässt, ist ergreifend.

Ein explodierender Rosenblütenschauer aus dem Bühnenhimmel, Verweis auf sein Ballett «Le Spectre de la Rose», und Sinnbild für flüchtiges, kurzes Glück. Doch die Dunkelheit bleibt.

«Nijinski von Marco Goecke, Ballett Zürich bis 6.April 2019

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