Balkon statt Konzertlokal: St.Galler Kulturveranstalter spielt jeden Tag um 17 Uhr Musik von seinem Balkon

«Corona Muzik täglich», lässt das Banner an einem St.Galler Mehrfamilienhaus im dritten Stock wissen. Richard Butz musste seine Konzertreihe «kleinaberfein» wegen des Lockdowns absagen. Stattdessen gibt er jetzt täglich ein Balkonkonzert.

Christina Genova, Julia Nehmiz
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Balkon statt Konzertlokal: Richard Butz spielt jeden Tag von 17 bis 17.30 Uhr an der Rotachstrasse 5 in St.Gallen Musik vom Balkon. Neben ihm steht seine Lebenspartnerin, die Autorin Christine Fischer.

Balkon statt Konzertlokal: Richard Butz spielt jeden Tag von 17 bis 17.30 Uhr an der Rotachstrasse 5 in St.Gallen Musik vom Balkon. Neben ihm steht seine Lebenspartnerin, die Autorin Christine Fischer.

Bild: Urs Bucher

Der St.Galler Kulturveranstalter Richard Butz musste alle Veranstaltungen seiner Konzertreihe «Kleinaberfein» absagen. Aber er hat eine neue Möglichkeit gefunden, Musik aus seiner grossen Musiksammlung unter die Leute zu bringen. Seit diesem Dienstag veranstaltet er täglich von 17 Uhr bis 17.30 Uhr ein Balkonkonzert von seiner Wohnung an der Rotachstrasse in St.Gallen aus. Sehr zur Freude der Quartierbewohner, wie der 76-Jährige am Telefon erzählt: «Viele Leute kamen beim ersten Konzert auf den Balkon und winkten.»

Auf die Konzerte aufmerksam macht er mit einem Transparent an seinem Balkon: «Corona Muzik täglich 17 Uhr», aber auch mit Plakaten an den Gartenhägen im Quartier. Dort wird das Tagesprogramm angekündigt, gestern Mittwoch zum Beispiel Musik des Südafrikaners Hugh Masekela.

Social distancing auf dem Balkon, nicht aber auf der Strasse

Punkt 17 Uhr tritt Richard Butz auf den Balkon im dritten Stock des Mehrfamilienhauses. Er winkt hinunter auf die mit Kreide bemalte Strasse, wo eine Horde Kinder Hockey spielt und herumtollt. Die Eltern stehen plaudernd in der Abendsonne. Social distancing sieht anders aus. 

Musik von oben, Ferienstimmung unten: Social distancing auf dem Balkon, Hockey und Plaudereien auf der Strasse.

Musik von oben, Ferienstimmung unten: Social distancing auf dem Balkon, Hockey und Plaudereien auf der Strasse.

Bild: Urs Bucher

Richard Butz zeigt mit den Fingern an, dass es noch zwei drei Minuten daure, bis es losgeht mit dem Balkonkonzert. Die Kinder spielen, im Haus gegenüber sitzt eine ältere Frau auf dem Balkon und liest, zwei Frauen kommen vom Einkaufen nach Hause, beide mit grossen Klopapierpackungen. Da erschallt laute Musik: Richard Butz betritt breit grinsend und winkend den Balkon. Und man fühlt sich wie im Urlaub - fehlt nur noch ein Drink mit klimpernden Eiswürfeln. Gute-Laune-Musik, Abendsonne, Kinderlachen, zwei der Eltern wippen im Rhythmus mit. 

Die Dame vom Balkon gegenüber winkt zurück und applaudiert, zwei Häuser weiter tritt jemand auf den Balkon, das Dutzend Kinder spielt engagiert Hockey, mit ordentlich Körperkontakt. Die anderen Balkone bleiben verwaist. Die laute Musik ist auch ein paar Strassen weiter noch zu hören, ein junger Mann kommt neugierig vorbei, zeigt Richard Butz Daumen hoch.

Fazit: Ein nettes, nachbarschaftliches Angebot. Die Resonanz: klein, aber fein - nur wenige lockt die Musik auf den Balkon. Und: Wem es nicht gefällt, der macht halt die Fenster zu. 

Jazz, Weltmusik, Klassik und auch mal Lieder für Kinder

Richard Butz kündigt das Tagesprogramm an den Gartenhägen im Quartier an.

Richard Butz kündigt das Tagesprogramm an den Gartenhägen im Quartier an.

(Bild: Urs Bucher)

Auf eine bestimmte Sparte mag sich der musikalisch vielseitig interessierte Butz nicht festlegen: «Ich entscheide von Tag zu Tag, worauf ich Lust habe.» Das könne Jazz, Weltmusik, aber auch Mozart oder Händel sein.

Für die vielen Kinder im Quartier stünden sicher auch mal Lieder von Linard Bardill auf dem Programm und als Gruss an seine Nachbarn aus den Kapverden Musik von Césaria Évora. 

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