Bald Hausregisseurin in St.Gallen

WINTERTHUR. Ab Sommer 2016 ist Barbara-David Brüesch Hausregisseurin am Theater St. Gallen. Ihre Handschrift ist nun im Theater Winterthur zu sehen: Ihre «Endstation Sehnsucht» gerät aber zu boulevardesk.

Brigitte Schmid-Gugler
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Stella und ihre Schwester Blanche im Stück «Endstation Sehnsucht». (Bild: Toni Suter)

Stella und ihre Schwester Blanche im Stück «Endstation Sehnsucht». (Bild: Toni Suter)

Zuerst die gute Nachricht: Der designierte Schauspielleiter am Theater St. Gallen, Jonas Knecht, wird die Regisseurin Barbara-David Brüesch als künftige Hausregisseurin in sein Ensemble holen. Brüesch feierte mit ihren Inszenierungen an deutschsprachigen Theatern beachtliche Erfolge, unter anderem mit der Uraufführung des Stücks «SumSum» der Theaterautorin Laura de Weck. Dass sie keine Berührungsängste vor Klassikern hat, bewies sie mit hoch gelobten Inszenierungen wie «Eines langen Tages Reise in die Nacht» von Eugene O'Neill; «Fräulein Julie» von August Strindberg; «Die Buddenbrooks» von Thomas Mann; Leo Tolstois «Anna Karenina» sowie ihrer Bühnenadaption von Dostojewskis Roman «Schuld und Sühne».

Überzeichnete Figuren

Am Theater St. Gallen war sie zuletzt im Jahr 2008 mit der Schweizer Erstaufführung von Gerhard Meisters Stück «Fluchtburg» zu Gast. Die in Chur Geborene studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch» in Berlin – das gleiche Studium absolvierte auch der künftige Schauspielleiter. Nun wagt sie sich an den 1947 uraufgeführten und weltweit gespielten Bühnenkracher «Endstation Sehnsucht» von Tennessee Williams – im Jahr 1951 unvergesslich und wohl auch unübertrefflich verfilmt von Elia Kazan, mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen.

Man war gespannt, was eine junge, talentierte Regisseurin aus einem Stück wie diesem herausholen, ob es ihr gelingen würde, den doch etwas verstaubten Mief von Williams robuster Realistik aufzufrischen. Doch – soviel zur schlechten Nachricht – es bleibt beim nicht ganz geglückten Versuch. Die Inszenierung, welche in Winterthur Premiere feierte, im Theater Chur gastierte und demnächst erneut in Winterthur zu sehen sein wird, vermag zwar an einigen Stellen sehr nuanciert die bei Williams deutlich konturierte Ambivalenz der Figuren herauszuschälen. Sie kippt aber häufig ins Boulvardeske.

Überzeichnet und laut

Der unverhoffte Besuch der exzentrischen Blanche du Bois bringt Unruhe in die triebwilde Ehe ihrer Schwester Stella (Miriam Wagner) und deren reizbaren polnischstämmigen Ehemann Stanley Kowalski (Nicolas Batthyany). Die Nymphomanin Blanche hat das vormals herrschaftliche Gut der Eltern und ihren Job als Lehrerin verloren und sucht vorübergehend bei ihrer Schwester Unterschlupf. In der kleinbürgerlichen Wohnung eskalieren die Streitigkeiten: Stanley will den Störenfried so schnell wie möglich loswerden. Seine schwangere Frau versucht, ihre Schwester zu schützen, die sich in Lebenslügen verheddert und schliesslich Opfer wird von Stanleys Aggressionen.

Schade, dass die feine Symbolik der «Endstation Sehnsucht» – die vergebliche Suche des Menschen nach Geborgenheit und zwischenmenschlicher Nähe – zu oft in komödiantisches Gepolter der teilweise unglaubwürdig und zu drastisch gezeichneten Figuren kippt. Einzig in der leisen Annäherung der alkoholabhängigen und überdrehten Blanche, einfühlsam gespielt von der wunderbaren Katharina von Bock und Stanleys Freund, dem lonely boy Mitch (Nils Torpus) sind sie plötzlich da, die Zerbrechlichkeit, Bedürftigkeit, der Selbstbetrug und die ganze Tragödie in den illusionären Bezirken der Herzen.

11.; 12.; 13.11.; 8.; 9.1. 2016, jeweils 19.30 Uhr, Theater Winterthur