Bahnhof im Bahnhof

Die Malerin Harlis Hadjidj-Schweizer ist eine von fünf Kulturschaffenden, die dieses Jahr einen Werkbeitrag der Stadt St. Gallen erhalten haben. Mit «un long weekend de retrouvailles I» zeigt sie die erste Serie eines dreiteiligen Bilderzyklus.

Martin Preisser
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Letzte Vorbereitungen für die Ausstellung: Harlis Hadjidj-Schweizer in ihrem Atelier an der Teufener Strasse. (Bild: Ralph Ribi)

Letzte Vorbereitungen für die Ausstellung: Harlis Hadjidj-Schweizer in ihrem Atelier an der Teufener Strasse. (Bild: Ralph Ribi)

Acht Bilder des St. Galler Bahnhofs zeigt Harlis Hadjidj-Schweizer ab heute in der Galerie der Klubschule Migros. Es sind Ansichten von vor hundert Jahren, gedeutet durch den Blick einer modernen Künstlerin. Harlis Hadjidj-Schweizers Blick ist der des jungen Mädchens am Bahnhof auf dem Schulweg. Und damit ist man mitten drin im Thema von Harlis Hadjidj-Schweizer: Die Erinnerung. Schwarz gegen Mint ist ein Farbduo. Auf den Bahnhofansichten herrscht strenge Zweifarbigkeit. Und die Perspektive gewinnt die Künstlerin aus den Farben selbst.

Farbkontraste, aus denen sich die Motive aus der Grundierung langsam herauszuheben scheinen: Eben kein Abbild, sondern auftauchende Erinnerung ist hier malerisch umgesetzt.

«Die Vergangenheit ist dunkel, und das Helle sind die Erinnerungen», sagt Harlis Hadjidj-Schweizer. Die Bahnhofbilder sind nicht überladen, sondern scheinen das Typische, die Idee von Architektur, Lokomotive oder Zugskomposition herausarbeiten zu wollen. Gerade im manchmal fast scherenschnittartig reduziert Wirkenden kann sich Atmosphäre entfalten.

Gewagt ist das Aufeinanderprallen der ungewohnten Farb-Dualitäten. Das Ergebnis: Die Bilder erheischen sofort intensive Aufmerksamkeit.

Klassisch gedacht

«Ein gutes Bild sollte man in ein bis zwei Sekunden erfassen können», sagt Harlis Hadjidj-Schweizer, die sich in ihrer Kunst nicht «austoben» oder «selbst befreien», sondern die – ganz klassisch gedacht – Bilder umsetzen will, und das mehr intuitiv als intellektuell. Harlis Hadjidj-Schweizer ist die Tochter von Hans Schweizer.

«Dass ich die Tochter eines bekannten Künstlers bin, ist für mich nie ein Problem gewesen», sagt sie. Zehn Jahre hat sie in Vaters Atelier gemalt. «Das hat fast ein Hochschulstudium ersetzt», erzählt Harlis Hadjidj-Schweizer. «Der professionelle Austausch hat mich weitergebracht. Schon als Kind, als ich mit dem Besen malte, hat mich mein Vater erst einmal machen lassen ohne einzugreifen. Eine wichtige Erfahrung.»

Reise in die Erinnerung

Harlis Hadjidj-Schweizer hat an der Fachschule Genf Theatermalerei gelernt. «Bei hervorragenden rumänischen Professoren, die ihr Handwerk wirklich noch beherrschten.» Viele ihrer Arbeiten wirken tatsächlich an Theaterkulissen gemahnend. Mit genauem Blick für das, was das Bild sagen soll, mit einem Ansatz reduzierter Ausdrucksmittel, der es ermöglicht, dass das Bild unmittelbar wirkt und dann zum langsamen Weitereintauchen einlädt.

Seit sechzehn Jahren malt Harlis Hadjidj-Schweizer. Dass sie Künstlerin wurde, sei nicht unbedingt geplant gewesen. Jetzt freut sie sich über den Werkbeitrag der Stadt St. Gallen. Die Bahnhofbilder sind eine erste Serie eines dreiteiligen Projekts. Der zweite Teil von «un long weekend de retrouvailles» wird Bilder zeigen, die eine Reise von St. Gallen nach Montpellier reflektieren.

Es ist eine Reise des Wiederfindens von Erinnerung, die Reise einer erwachsenen Künstlerin auf den Spuren des Kindes Harlis auf der Fahrt in die Heimat ihrer französischen Mutter. Der dritte Teil wird sich dann dem Innenleben des St. Galler Bahnhofs und den Menschen widmen, die hier anzutreffen sind.

Gegenüber der Bahnhofserie hängend erregen Harlis Hadjidj-Schweizers Männerbilder Aufmerksamkeit. Stolz und selbstbewusst kommen die Männer daher, oft auf blumigem Hintergrund mit weiblichen Sujets.

Harlis Hadjidj-Schweizer schaut als Künstlerin gerne auf den Mann. «Ich stelle ihn als Blickfang dar», sagt sie und gibt den Eisenbahnern oder Arbeitern aus vergangenen Zeiten in ihrer Pose Würde und Autorität.

Ritter aus Appenzell?

Ein imposantes Bild zeigt einen Mann auf einem Pferd. Ist das in Nordafrika, der Heimat von Harlis Schweizers Ehemann? Oder ist es ein Bild eines mittelalterlichen Ritters? Nein, es ist eine Szene aus dem Brauch des Appenzeller Blochs.

Auch hier greift Harlis Hadjidj-Schweizer auf historisierende Blickwinkel zurück, nie in dokumentarischer oder rein abbildender Hinsicht, sondern als Art Rückzug, um sozusagen das zeitlos Typische malerisch herauszukristallisieren.

In der Migros-Ausstellung gibt es aber auch ein spezielles Frauenbild. Die Frau, schwarz gekleidet und mit schwarzem Schirm im Regen, daneben zwei kräftige Strassenmarkierungen. Es mag die Künstlerin als in der Erinnerung Nachdenkende sein und auf wohl überlegter Spurensuche.

Bis 27.9., Galerie Klubschule Migros (Bahnhof St. Gallen, 1. OG). Mo–Fr, 8–22; Sa, 9–16; So, 9–14 Uhr