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BACKSTAGE: Transitzonen des Showbusiness

Beat Schlatter lässt uns in rund 250 verschiedene Garderoben der Schweiz blicken. Der Vorhof zu den Brettern, die die Welt bedeuten, ist oft seltsam trostlos.
Michael Graber
Die Backstage-Räume der Schweiz pendeln zwischen heimelig und Bunkercharme. Von links oben im Uhrzeigersinn: Café Mokka (Thun), Altes Bezirksgefängnis (Hinwil), Sportschützen (Würenlos) und Maiers Theater (Zürich). (Bilder: Beat Schlatter)

Die Backstage-Räume der Schweiz pendeln zwischen heimelig und Bunkercharme. Von links oben im Uhrzeigersinn: Café Mokka (Thun), Altes Bezirksgefängnis (Hinwil), Sportschützen (Würenlos) und Maiers Theater (Zürich). (Bilder: Beat Schlatter)

Michael Graber

Backstage-Räume sind sagenumwobene Orte. Es ranken sich allerlei Geschichten um Drogen- und sonstige Orgien um die Räumlichkeiten unter, hinter oder neben der Bühne. «Was im Backstage passiert, bleibt im Backstage», hat ein Leiter eines grösseren Kulturbetriebs mal gesagt. Nur um dann gleich nachzuschieben: «Aber eigentlich passiert da gar nicht so viel.» Er meinte das ehrlich.

Viel öfter als Kokain gerupft und Groupies vernascht wird in Backstage-Räumen nämlich etwas anderes gemacht: gewartet. «Transitzonen des Showbusiness» nennt sie der schöne Bildband «Rock ’n’ Roll Hinterland» von Beat Schlatter. Es wird gewartet, bis es endlich losgeht, bis man auf die Bühne kann. Auf die berühmten Bretter, die die Welt bedeuten.

Von Aarau bis Zürich

Schlatter versammelt in seinem Buch nun Einblicke in rund 250 Backstage-Räume quer durch die Schweiz (und einen im Europa-Park!). Und er nimmt dem Mythos Backstage jeglichen Glamour. Die Warteräume von Aarau bis Zürich haben nämlich vor allem eines gemein: eine gewisse Trostlosigkeit. Mal ist das Räumchen einigermassen elegant eingerichtet, andere Male dagegen erinnert es an triste Umkleidekabinen einer heruntergekommenen Turnhalle (mindestens einmal ist es das tatsächlich auch). Fenster zur Aussenwelt fehlen oft oder sind mit allerlei Tüchern verhangen – wohl um die Privatsphäre zu wahren. Dafür kann man sich bestens vorstellen, wie eine Neonröhre traurig vor sich hinflackert.

Der Komiker und Schauspieler dokumentiert. Er beschönigt und verschlimmert nichts. Schlatters Bilder sind teilweise unscharf oder verwackelt. Er führt es auf die Nervosität vor dem Auftritt zurück, und da er teilweise vor lauter Anspannung vergessen hat, zu fotografieren, haben Frölein Da Capo und Beat Allgaier mit einigen Bildern ausgeholfen.

In den wenigsten der abgebildeten Räume möchte man mehr Zeit als unbedingt nötig verbringen. Schlatter dagegen rechnet vor, wie lange er schon in Backstages gewartet hat: «Pro Vorstellung verbringt man etwa anderthalb Stunden in der Garderobe. In meinem Fall mit 80 Shows pro Jahr über die letzten 30 Jahre verteilt macht das insgesamt 3600 Stunden oder 150 Tage.»

Der Charme eines modrigen Kellers

Es sind eben tatsächlich Transitzonen. Der Glanz der Backstage-Räume besteht aus den wenigen Schritten, die man braucht, um nach dem Warten auf die Bühne zu kommen. Wie die trostlosen Wartezonen an den Flughäfen ohne die Aussicht auf die kommenden Ferien noch trostloser wären, so wären Backstage-Räume ohne den Auftritt nachher einfach Räume mit dem Charme eines modrigen Kellers.

Natürlich gibt es löbliche Ausnahmen. Etwa der liebevoll überstellte Backstage des Café Mokka in Thun – dort waltete mit dem verstorbenen MC Anliker aber auch ein Chef, der auf das ganze Drumherum viel Wert legte.

Und ebenso natürlich gibt es für die ganz grossen Stars, wenn sie mal die Schweiz beehren, allerlei Schnickschnack, der auf sie wartet in der Garderobe. Mittels langer Listen geben die Manager von Stars und Sternchen vorab durch, welches Mineralwasser in welcher Temperatur da stehen muss und welches Toilettenpapier gewünscht wird. Solche Wunschlisten haben auch kleinere Bands und Künstler. Bei Schweizern gehört aber bereits eine Ingwerknolle zu den ausgefalleneren Wünschen.

Beat Schlatter hat sich dagegen jahrelang gewundert, warum in den Backstage-Räumen immer Früchtekörbe auf ihn warteten. Als er nach ein paar Jahren und wohl unzähligen ungegessenen Bananen und Äpfeln endlich mal gefragt hat, bekam er die Antwort: «Herr Schlatter, das steht so in Ihrem Vertrag.» Offenbar kennt das Management manchmal die Wünsche seiner Mandanten doch nicht so gut.

Fehlende Jahreszahlen

«Rock ’n’ Roll Hinterland» ist eine schöne Reise durch die Schweizer Kulturlandschaft. Dem unermüdlichen Sammler Beat Schlatter ist es zu verdanken, dass man einen Blick hinter die Kulissen werfen kann. Einziger Wermutstropfen: Bei den Fotos fehlen die Jahreszahlen. Daher weiss man nicht, ob da in manchen Backstage-Räumen die Zeit stehen geblieben ist oder ob sie tatsächlich aus fast schon grauer Vorzeit stammen.

Zurück bleibt die Einsicht, dass der Vorhof zu den Brettern, die die Welt bedeuten, meist kein schöner Ort ist. Aber vielleicht ist das ja auch sinnbildlich für vieles sonst im Leben: Da muss man durch, wenn man nachher die Belohnung will.

Hinweis

Beat Schlatter: Rock ’n’ Roll Hinterland. Scheidegger & Spiess, 2017, 208 S., 49 Fr.

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