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Bachmann-Preis: Literatur sucht den Superstar

Der Ingeborg-Bachmann-Preis beginnt am Donnerstag zum 42. Mal. Im österreichischen Klagenfurt werden literarische Karrieren befördert oder zerstört – von einer manchmal unerbittlichen Jury. Am Sonntag werden die Preisträger bekannt gegeben. Aus der Schweiz sind dieses Jahr drei Autorinnen mit dabei.
Hansruedi Kugler
Provokative Show und Autorenqual in einem: Rainald Goetz schnitt sich 1983 während der Liveübertragung seiner Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn auf. (Bild: ORF)

Provokative Show und Autorenqual in einem: Rainald Goetz schnitt sich 1983 während der Liveübertragung seiner Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn auf. (Bild: ORF)

Weinkrämpfe, Schimpftiraden und blutüberströmte Gesichter: Literatur kann ganz schön heftig werden. Zumindest beim allsommerlichen Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Man möchte den Wettbewerb deshalb gerne spöttisch «Deutschsprachige Literatur sucht den nächsten Superstar» nennen. Die siebenköpfige Jury lässt sich vor laufender Kamera die Texte von 14 Autorinnen und Autoren vorlesen und diskutiert gleich anschliessend darüber. Möglichst im Streitmodus, so die Zuschauererwartung.

Literatur als Zirkus? Als Modenschau? Als ruppiges Poetry Slam, mit Lob oder Häme, Preissegen oder Erniedrigung? Seit seiner Erstausgabe 1977 haftet dem Bachmann-Preis der Ruf an, literarische Karrieren zu begründen oder zu zerstören. Schon im ersten Jahr schimpfte Jurypräsident Marcel Reich-Ranicki über den Text von Karin Struck, dies sei keine Literatur, sondern «ein Verbrechen» – worauf die Autorin in Tränen ausbrach und vorzeitig aus dem sommerlichen Klagenfurt abreiste. Kein Wunder also, dass die meisten Autoren extrem nervös sind. So erschien 1993 Christina Günther, die als erste hätte lesen sollen, gar nicht erst in der «Arena». Nach einer schlaflosen Nacht war sie erst gegen sieben Uhr in der Früh eingeschlafen und verschlief ihren Auftritt.

«Mit meinem Blut soll mein Hirn auslaufen»

Wer allerdings als Autor auffällt, dem ist die Aufmerksamkeit im ganzen deutschsprachigen Raum gewiss. Ein paar Beispiele: Nora Gomringer, Sten Nadolny (er las 1980 aus seinem späteren Bestseller «Die Entdeckung der Langsamkeit»), Franzobel, Hermann Burger, Tilman Rammstedt, Georg Klein, Terézia Mora. Mora gehört unterdessen neben Wolfgang Hilbig und Sybille Lewitscharoff zu den Bachmann-Preisträgern, die später den Büchnerpreis, den bedeutendsten Literaturpreis im deutschen Sprachraum, erhielten. Es muss aber nicht mal der Hauptpreis sein, um langfristig im Gedächtnis zu bleiben. Unvergesslich etwa der Auftritt von Rainald ­Goetz, der sich 1983 während der atemlosen Lesung seines Wuttextes mit einer Rasierklinge die Stirn ritzte. Das Blut lief über die Nase aufs Manuskript: «Mit meinem Blut soll mein Hirn auslaufen, weil es solch eine Folter ist in meinem Kopf», heisst es an einer Stelle – der Text war eine einzige Abrechnung mit dem Kultur­betrieb.

Der Auftritt von Goetz stand gleich für drei typische Eigenschaften der ersten zwanzig Jahre des Bachmann-Preises: Für textliche Vehemenz, provokative Auftritte und harte Jurydebatten sowie für die Qual, die Autoren beim Lesen empfanden. Die Qual ist jedoch nicht ganz selbstverschuldet. Denn die Autorinnen und Autoren werden eingeladen, die Juroren bringen nämlich aus ihren Ländern die von ihnen ausgewählten Talente mit, die jeweils unveröffentlichte ­Texte lesen. Bis 1997 behielt der Wettbewerb einen riskanten Experimentierstil bei: Die Jury hörte die Texte erst bei der Lesung. Seither bekommen die Juroren die Texte jeweils eine Woche vorher zugeschickt. Ein Skandal wie 1991, als der Juror Roberto Cazzola aus Protest die «Arena» verliess, wird nun kaum mehr vorkommen. Cazzola war über den albtraumhaften Text «Babyficker» des Basler Autors Urs Allemann derart erzürnt, dass er regelwidrig aus der Diskussion weglief.

«Wer keinen Mut hat, soll Buchhalter werden»

Seit der Reform 1997 geht es am Bachmann-Preis zwar weniger hoch zu. Umstritten bleibt das Format dennoch. Das hat vor allem mit dem Geschäft der Literaturkritik zu tun: «Zum Beruf des Kritikers gehört Mut, vor allem Mut zum Irrtum. Wer keinen Mut hat, der soll Buchhalter oder Steuerberater werden», sagte etwa Marcel Reich-Ranicki, der die Kritik als «notwendig individuell» betrachtete und sich deswegen mit Mitjuror Adolf Muschg ein gehässiges Wortgefecht lieferte. Muschg beharrte darauf, man müsse einen Text zuerst verstehen, bevor man ihn kritisieren dürfe. Ein anderer Schweizer ­Juror, Iso Camartin, hielt die riskante Aufgabe des Kritikers so fest: «Die Chance, sich zu blamieren, ist für Juroren viel grösser als für die Kandidaten.»

Der Lesewettkampf ist nach Ingeborg Bachmann benannt. Dies obwohl die Autorin schon 1973, also bereits vier Jahre vor der Erstausgabe, gestorben war und zu ihrer Heimatstadt Klagenfurt ein distanziertes Verhältnis hatte. Die Veranstalter erkoren als ihr Vorbild die Tagungen der «Gruppe 47», die wesentlich die deutsche Nachkriegsliteratur und die Diskussion über diese in der Öffentlichkeit geprägt hat. Ingeborg Bachmann hatte dort in den 1950er-Jahren ihre literarische Karriere gestartet und gewann auch den Preis der Gruppe – mit fragilen, eindringlichen Lesungen aus ihren Gedichten.

Drei Autorinnen aus der Schweiz am Lesewettkampf

Zwei Schweizer Jurorinnen, drei Autorinnen aus der Schweiz: Die jüngste des Autorinnentrios ist die 1990 in Rorschach geborene Anna Bischofberger, die ihre Romane und Erzählbände bisher unter dem Namen Anna Stern veröffentlichte. Zuletzt erschien ihr hochgelobter Erzählband «Beim Auftauchen der Himmel». Bischofberger verwebt in vielen Texten ihre wissenschaftliche Arbeit mit subtilen literarischen Mitteln. Im Hauptberuf erforscht sie an der ETH Antibiotikaresistenzen. Eingeladen hat sie die Zürcher Literaturkritikerin und Jurorin Hildegard ­Elisabeth Keller.

Anna Bischofberger (Bild: Michel Canonica)

Anna Bischofberger (Bild: Michel Canonica)

Ebenfalls von Keller eingeladen wurde Martina Clavadetscher, die in Brunnen und Luzern lebt. Clavadetscher arbeitet seit 2009 als Autorin, Dramatikerin und Radiokolumnistin. In der Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin am Luzerner Theater. Ihr Roman «Knochenlieder» war 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Darin erzählt sie präzise von einem Weltuntergang mit einem Terrorregime – formal als originelles, dreiteiliges Versopus erkennbar, das virtuos mythische Elemente mit solchen genrehafter Endzeitgeschichten verbindet.

Martina Clavadetscher (Bild: Christian Beutler)

Martina Clavadetscher (Bild: Christian Beutler)

Die schweizerisch-deutsche Lyrikerin Nora Gomringer, die selbst 2015 den Bachmann-Preis gewann, hat als Jurorin die gebürtige Deutsche Corinna T. Sievers eingeladen. Sievers lebt am Zürichsee, hat eine kieferorthopädische Praxis in Zürich und ist ­spezialisiert auf angeborene Gesichtsfehlbildungen. 1997 schrieb sie in Los Angeles und Kiel ihre Doktorarbeit über die Prognostizierbarkeit von Schönheit. In ihrem zuletzt erschienenen Roman «Die Halbwertszeit der Liebe» seziert sie gnadenlos ihre ­Figuren, die in masochistischen Grundmustern gefangen sind. Ob eine der drei den Bachmann-Preis über 25000 Euro oder einen der Sonderpreise gewinnt, kommt am Sonntag aus. (hak)

Corinna T. Sievers (Bild: Stefan Baumgartner)

Corinna T. Sievers (Bild: Stefan Baumgartner)

Hinweis

Die Lesungen werden live im Fernsehen auf 3sat übertragen: Do, Fr, Sa, je 10 bis 15.30 Uhr. Preisvergabe: So, 11 bis 12 Uhr. Die Reihenfolge der Lesungen wird heute Abend bestimmt.

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