Bach mit weit gespanntem Atem

Bachs Goldberg-Variationen auf der Armeleuteorgel: Der deutsche Akkordeonist Denis Patkovic begeisterte an den St. Galler Festspielen mit einem Konzert in der Schutzengelkapelle.

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Akkordeonvirtuose Denis Patkovic. (Bild: pd)

Akkordeonvirtuose Denis Patkovic. (Bild: pd)

Wie bescheiden: als «Aria mit verschiedenen Veraenderungen» bezeichnet Bach das wohl bedeutendste Klavierwerk seiner Zeit. «Clavier-Übung», das heisst zunächst einmal nur, dass die Stücke für Tasteninstrumente gedacht sind – und zwar für verschiedene. Keineswegs handelt es sich um Fingerübungen, vielmehr um Musterexemplare barocker Kompositionskunst. Entsprechend viel verlangen sie vom Interpreten: Einsicht in die schöne Strenge des Kontrapunktes, Sinn für die zeittypische Phrasierung, souveräne Spieltechnik.

Neubegegnung mit Tiefgang

Das alles bringt Denis Patkovic mit – auf einem Instrument, das durchaus zu den «Clavieren» gezählt werden kann, wenngleich Bach noch nichts wusste von Klang und Gestaltungsmöglichkeiten des Akkordeons. Umgekehrt dürfte dem durchschnittlichen Akkordeonisten Bachs Welt verschlossen bleiben. Denn um die Goldberg-Variationen ohne Eingriffe auf den zwei «Manualen» des Akkordeons aufführen zu können, ist wohl noch mehr Virtuosität nötig als ohnehin. Hat doch dasjenige der linken Hand Knöpfe statt Tasten; Knöpfe, die in Quinten nebeneinander liegen – und mit nur vier Fingern gespielt werden. Der Lohn: eine Version, die nichts hämmernd Mechanisches hat, eine Interpretation mit vielen Klangfacetten und weit gespanntem Atem. Das Wohlbekannte erscheint dabei vertraut durch, fühlt sich jedoch ganz anders an: eine Klangbegegnung mit Tiefgang.

Seele und Körper

Selbst wenn man die Augen schliesst, wird hörbar, dass Patkovic sein Instrument nicht nur mit Fingerspitzen anrührt, sondern die Phrasen mit dem Balg beatmet und formt. Der Klang hat Körper, Plastizität und tänzerische Leichtigkeit – ohne zu spitz zu werden. Natürlich auch Gewicht: je nachdem, welcher Charakter die Variation prägt. Patkovic nutzt die verschiedenen Registerfarben wie bei der Orgel, kann aber im Gegensatz zu ihr die Töne ausdrucksvoll beleben, was besonders den entrückten, seelenvollen Variationen zugute kommt. Die Tanzsätze akzentuiert Patkovic mit Temperament: Da ist sein Instrument im Zwischenreich von barocker Galanterie und bodenständiger Folklore. Das Publikum liess sich verzaubern und mitreissen – und dankte mit begeisterten Applaus. Bettina Kugler