Avignon spielt und tanzt

Trotz viel Shakespeare enttäuscht die 69. Ausgabe des Theaterfestivals in Avignon. Dies gemessen an einer Tradition, die für Provokation steht, für extreme Stücke und packende Aufführungen, die über Stunden die Spannung halten.

Charles Uzor
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Eine Flut an Veranstaltungen: Avignon, das grösste Theaterfest der Welt. (Bild: Festival d'Avignon)

Eine Flut an Veranstaltungen: Avignon, das grösste Theaterfest der Welt. (Bild: Festival d'Avignon)

Avignon zieht an wie ein Magnet und ist für einen Monat «complet» ausverkauft. Gespielt wird überall, auf der Bühne, im Gassenlabyrinth, mit unzähligen Slapsticks, die wiederum für Theater werben. Wo früher die Flugshows der päpstlichen Adler für Spektakel sorgten, ist hier alles vom Theaterhype infiziert. Die 69. Folge des Avignon-Theaterfestivals, des weltweit grössten Theaterfests, bot dieses Jahr jedoch auch viel Mittelmass. Daran ändert selbst das pulsierende Leben der wunderschönen, von Natur umkränzten Rhonestadt nichts.

Der böseste aller Könige

Ein Königreich für Shakespeare – meint man bei Thomas Ostermeiers gerafftem «Richard der Dritte» im Publikum raunen zu hören. Der böse König in diesem vielleicht bösesten aller Shakespeare-Dramen kommt bucklig, hinkend und hässlich daher, dann wieder schwingt er sich – geisterhaft oder wie ein Affe – durch die abschüssige Bühne.

Die Inszenierung soll verführen und das Publikum auf Richards Seite ziehen. Mal bedient sich Ostermeier einer biederen Kostümierung, dann wiederum sucht er den Nerv Gothic-punkigen Regietheaters: sexuell aufgeladene Stehapéros mit Champagner, Glitterregen, hämmerndem Metal-Schlagzeug – ein bisschen von allem. Bald erschöpft sich Lars Eidingers Spiel in der krötenhaften Groteske, Richard der Dritte ist eine Karikatur seiner selbst und als Clown unterhaltsam, als Verkörperung des Bösen aber harmlos. Abgesehen von der Idee, die Prinzenkinder als Marionetten der Intrige förmlich an Fäden zu ihrer finalen Ermordung zu führen, wirkt das Spektakel blass. In Erinnerung bleibt weniger die Interpretation eines grossen Texts als seine spärliche Verkörperung.

Den diesjährigen Shakespeare-Boom mit vier Stücken verdankt man dem Festivalleiter Olivier Py. Ihm ist allerdings auch die mässige Qualität des Festivals zuzuschreiben, in dessen neuem Konzept – weg vom Kodirektorium und den jährlich wechselnden Artistes associés – Py zu viel Einfluss auf Gestaltung und Stückauswahl hat. Man vermisst die künstlerische Auseinandersetzung des Zweiergespanns Archambault/Baudriller, die zehn Jahre Avignon prägten.

Im Sog des Tanzes

Aus vielen seien hier drei Tanzproduktionen erwähnt, Stücke, die sich im hybriden Wechsel von Tanz, Installation und Sprache bewegen. In Hofesh Shechters «Barbarians»-Trilogie spielt die wilde Entfesselung mit der musikalischen Formelhaftigkeit barocker Tänze. Während Shechter zuerst eine erstarrte Welt konstruiert, die als futuristische Licht-Klang-Installation überzeugt, in deren Enge er sich aber (motiviert durch eine Stimme im Off) in narzisstische Selbstgespräche verzettelt, bekommt der zweite Teil Drive. Gerade durch die laute Soundkulisse, ihre Endlosloops und beschränkte Patterns kann man sich dem Sog kaum entziehen. In den schlüpfrig glänzenden Latexkostümen erhalten die Rhythmen eine Körperlichkeit, die in ihrer schonungslosen Perfektion fasziniert.

Pas de deux à la Bausch

Shechter soll sich dafür in wochenlanger Nachtarbeit mit den Tänzern eingeschlossen haben. Der dritte, heterogenste Teil zeigt quasi die menschliche Seite eines ironisch-disparaten Pas de deux à la Bausch. Wie sich Mann und Frau in ihren unpässlichen Kostümen und Bewegungen annähern – sie im Look der Siebziger, er im Tiroler Gewand – ist für Shechter ein Novum.

Tradition und Kampf

Im Kontrast zu Shechters überwältigendem, oft militantem Minimalismus stehen die beiden Tanzstücke «Monument O» und «Le Bal de Cercle». Beide Stücke beziehen sich auf die Konnexe Tradition, Kampf und ihre postmoderne Reaktion.

In «Monument O: Haunted by Wars (1913–2013)» von Eszter Salamon werden (Pseudo-)Tanzrituale in Beziehung zu hundert Jahren Kriegsgeschichte gebracht. Das engagierte Stück spielt mit Erwartungen und Vorurteilen, um sie sogleich umzukehren. Trotz eindrücklicher optischer Wirkung der maskierten Totentänze aus fünf Kontinenten, deren Kriege sich stellvertretend im afrikanischen austoben, überzeugt das melancholische Stück nicht immer. Das Zuviel an Pädagogik wird durch zu wenig Dokumentarisches verstärkt.

Ansteckende Tanzlust

Fatou Cissés «Le Bal de Cercle» ist in seiner Tanzlust ansteckend. Mit fünf Tänzerinnen und einem Tänzer gibt die senegalesische Choreographin einen berauschenden Einblick in den traditionellen Kreistanz der Wolof-Frauen, die so gesellschaftliche Konflikte austanzen. Dazu braucht Cissé lediglich Highheels, Perücken, Gewänder und eine Menge Schminke. In allen denkbaren Farb- und Schrittkombinationen bezaubert dieses kraftvoll getanzte Défilé: Improvisiert wirkende Spiele und ausgetüftelte Permutationen durchspielen die Vielfalt afrikanischer Pose und Rivalität. Zu permanent dröhnender Musik läuft das exaltierte Palaver der Frauen, deren sublime witzig-ironische (teils schlicht unverständliche!) Botschaften sich selbst und postkolonialistische Correctness unterwandern.

Gerade durch die Einheit von Moderne und Tradition und die Spiegelung ihrer selbst überzeugt diese Produktion – Höhepunkt eines mässigen Festivals.