Autorin Ruth Erat schlägt in St.Gallen den Bogen vom 10. ins 21. Jahrhundert

Ruth Erat von Literaturhaus und Bibliothek Wyborada lädt in der Hauptpost zu einer Textcollage.

Rolf App
Drucken
Teilen
Ruth Erat am Wiborada-Brunnen in St.Gallen. (Bild: Lisa Jenny)

Ruth Erat am Wiborada-Brunnen in St.Gallen. (Bild: Lisa Jenny)

Zum Foto haben wir uns mit Ruth Erat vor dem Wiborada-Brunnen getroffen, es ist der passende Ort. Denn Wiborada, Patronin der Bibliotheken und kluge Ratgeberin ihrer Zeit, hat vor dem Einfall der Ungarn gewarnt, so Bibliothek und Schatz des Klosters St.Gallen gerettet – und ist selber dabei zu Tode gekommen.

«Wiborada und Wyborada» ist deshalb die Textcollage überschrieben, mit der Ruth Erat einen Bogen schlägt vom 10. ins 21.Jahrhundert, von der legendären Frau zur Frauenbibliothek, die unter ihrem Namen entstanden ist. Und die nun zum Literaturhaus wird – zum Ort des literarischen Schaffens und der Auseinandersetzung im internationalen Raum der Literaturhäuser.

«Mit dem Brunnen fange ich an, mit Lyrik aus der Gegenwart höre ich auf», sagt sie, und zieht auch historische Linien vom Damals zum Heute, von einer unsicheren Welt in eine andere.

Dissertation über eine christliche Mystikerin

Auf der andern Seite jedoch, jenseits der Parallelen, ist uns das 10. Jahrhundert zutiefst fremd. Und eigentlich ist es das, was Ruth Erat seit jeher anzieht. Schon damals, auf der Universität, als sie sich für ihre Dissertation mit der christlichen Mystikerin Mechtild von Magdeburg beschäftigt, ist es das Fremde, das sie vor allem anderen beschäftigt.

Zuvor hat dieses Fremde, das mittelhochdeutsche «ellende», eine äussere Distanz beschrieben, Mechtild von Magdeburg aber meint damit etwas Innerliches. Eine Fremdheit in uns selbst.

Dass Mechtild ihren Gedanken in Gedichten Ausdruck verleiht, bringt Forscherin und Thema noch näher zueinander. «Lyrik hat mich schon immer interessiert», sagt Ruth Erat. «Mich fasziniert diese Kunst, auf kleinem Raum unendlich viele Sphären zu öffnen, vom messerscharfem Denkraum bis zum Lied, das noch zu singen ist. Auch hier finde ich wieder das Fremde, Unbegreifliche, nie zu Ende Gedachte.»

Am liebsten umgeben von Büchern

So ist Ruth Erat nach ihrem Studium nicht nur begeisterte Lehrerin geworden, sondern auch Schriftstellerin und Dichterin. Mehr noch, sie hat sich auch die anderen Künste erschlossen, zeichnet, malt, arbeitet mit Installationen, und so ihrem Alltagsleben als Mutter und Lehrerin ein zweites Leben hinzugefügt – und ein drittes mit ihrer politischen Arbeit. «Kinder im Heim Oberfeld haben mich einmal gefragt, wo es mir besonders wohl sei», erzählt sie. «Ich habe geantwortet: «An der Arbeit, umgeben von meinen Büchern.»

Diese Bücher sind wie Gefährten, sie sind Gesprächspartner, weil andere Menschen darin ihre Gedanken und Erfahrungen niedergelegt haben. Aber sie sind auch Anlass für das Gespräch.

Deshalb hat Ruth Erat auch immer wieder gern unterrichtet, zuletzt in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung und an der Interstaatlichen Maturitätsschule für Erwachsene. «Es war bereichernd, besonders dann, wenn wir Zeit hatten, uns zu vertiefen in Literatur, in einem Gespräch auf Augenhöhe», sagt sie.

«Wiborada und Wyborada – notwendig radikal»:
23.11., 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost.
Literaturgespräch Ruth Erat – Theres Roth-Hunkeler:
27.11., 20 Uhr, Kult-Bau.

Mehr zum Thema: