Interview

Autorin Klara Obermüller warnt: «Ob uns die Pandemie zur Belehrung dient, muss sich erst zeigen»

Klara Obermüller feiert ihren 80. Geburtstag. Die Journalistin und Autorin über die Coronakrise, den Tod und eine wegweisende Begegnung.

Charles Linsmayer
Drucken
Teilen
Klara Obermüller: «Ich weiss nicht, ob ich gelassener bin als andere.»

Klara Obermüller: «Ich weiss nicht, ob ich gelassener bin als andere.»

Bild: Michel Gilgen

Im Winter 2017/18 hat Klara Ober­müller als Writer in Residence der Forberg­stiftung vier Monate in Venedig zugebracht. Daraus ist das im Xan­thippe-Verlag eben erschienene Tagebuch «Die Glocken von San Pantalon» hervorgegangen. Sein Titel bezieht sich auf eine Kirche, deren Campa­nile von ihrer damaligen Wohnung aus zu sehen war.

Das Buch beschreibt Vene­dig aus einem untouristischen, sehr per­sön­lichen Blickwinkel und lädt zur Entdeckung von vielerlei uner­warteten Kostbarkeiten ein. Gleich­zeitig ist es ein Buch der Selbstvergewisserung in einem neuen Lebens­abschnitt und dokumentiert, was mit einer nach wie vor wachen und neugierigen Autorin geschieht, wenn sie für einmal die Dinge «einfach nur geschehen und auf sich zukommen lassen» kann.

«Vier Monate ohne konkrete Aufgabe und ohne festes Ziel»: Das kam nicht oft vor in einem Leben, das lange von der Spannung zwischen Anpassung und Widerstand bestimmt war. Wie blicken Sie heute darauf zurück? Mit Freude, mit Wehmut, mit Stolz?

Klara Obermüller: Mit Wehmut über Unwiederbringliches sicher, mit einer gewissen Genugtuung über Erreichtes. Mit Stolz? Nein, dafür aber mit sehr viel Dankbarkeit für alles, was mir im Leben zuteilgeworden ist.

Im Alter von neun Jahren haben Sie erfahren, dass Sie adoptiert sind. Was hat diese Erkenntnis in Ihrem Leben verändert?

Zunächst nicht viel. Ich war noch zu sehr Kind, um zu ermessen, was Adoption bedeutet. Schwierig wurde es für mich erst, als sich mir mit Beginn der Pubertät die Frage nach der eigenen Identität stellte und ich darauf keine Antworten bekam. Das Schweigegebot, mit dem das Thema Adoption in unserer Familie belegt war, hat mich auf Jahre hinaus schwer belastet und mich meinen Adoptiveltern auch eine Zeit lang ziemlich entfremdet. Heute jedoch weiss ich, dass sie es waren: Meine Eltern, die mich bedingungslos liebten und mich zu der werden liessen, die ich heute bin.

Philosophische Sternstunden

Klara Obermüller – Autorin
Bild: Keystone

Klara Obermüller – Autorin


Die Journalistin und Buchautorin Klara Obermüller ist am 11. April 1940 in St. Gallen geboren und wuchs als Adoptivkind in Zürich auf. Sie studierte deutsche und französische Literatur, arbeitete beim «Du», später bei der NZZ und der «Weltwoche» und moderierte bis 2001 «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens. Heute ist sie als freiberufliche Publizistin tätig. Von 1977 bis 1979 war sie mit dem Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann verheiratet, der früh starb. Seit fast vierzig Jahren ist sie mit dem ehemaligen Priester Kurt Studhalter verheiratet. (hak)

1959 haben Sie Erwin Leisers Film «Mein Kampf» über die Verbrechen der Nazis gesehen. Welche Folgen hatte das für Ihr Leben?

Dieser Film war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich realisierte, zum ersten Mal vielleicht, wozu Menschen fähig sind – nicht nur die Nazis von damals, sondern wir alle, immer und überall, das heisst, unter bestimmten Umständen auch ich selbst.

Camus’ Roman «Die Pest» hat Sie dazu gebracht, nicht Medizin, sondern Literatur zu studieren. Was war das Aufwühlende an dem Roman?

Die Einsicht, dass der Mensch Krankheit und Tod machtlos gegenübersteht und alles ärztliche Bemühen letztlich sinnlos ist. Dass es laut Camus darum geht, diese Sinnlosigkeit auszuhalten und sich, statt darob zu verzweifeln, «um die Menschen zu kümmern», wie es im Tagebuch heisst, habe ich erst begriffen, als es längst zu spät war.

Kommt Camus’ Roman Ihnen wieder in den Sinn, wenn Sie an die Coronapandemie denken?

Ja, natürlich, vor allem, weil es am Schluss geradezu prophetisch heisst, «dass vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben». Heute trägt die Pest den Namen Corona. Ob uns die Pandemie allerdings zur Belehrung dient, muss sich erst zeigen.

Sie sind statt in der Medizin im Journalismus gelandet, bei der NZZ, später bei der «Weltwoche» und beim Schweizer Fernsehen. Stimmt der Eindruck, dass der Journalismus für Sie nicht bloss ein Metier, sondern eine Berufung war und ist?

Ja, er ist es mit der Zeit geworden, vor allem, als ich zu realisieren begann, dass man mit Schreiben Einfluss ausüben und etwas bewegen kann.

Der deutsche Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg plagiierte einst einen Leitartikel von Klara Obermüller (im Bild) – und musste sich später öffentlich entschuldigen.

Der deutsche Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg plagiierte einst einen Leitartikel von Klara Obermüller (im Bild) – und musste sich später öffentlich entschuldigen.

Bild: Keystone

Die Begegnung mit Walter ­Matthias Diggelmann hat Ihrer Karriere bei der NZZ ein unsanftes Ende bereitet. «Wie ein Naturereignis brach er über meine wohlgeordnete Welt herein», heisst es in Ihrem Buch «Spurensuche».

Ja, so war es. Ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen, mich von meinem ersten Mann getrennt und eine feste Anstellung bei der NZZ bekommen, da platzte er, der Linke, der Unangepasste, in mein Leben und machte alle meine schönen Pläne zunichte. Diggelmanns Sozialismus und der Freisinn der NZZ gingen auf Dauer nicht zusammen. Ich musste mich entscheiden, und ich hatte mich für die Liebe und gegen die Karriere entschieden.

Sie haben danach für die FAZ gearbeitet, waren Jurorin am Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb. Lag im Weggang von der NZZ letztlich die Chance für einen Neubeginn?

Aber sicher. Ich musste mich von Grund auf neu erfinden. Das war nicht ganz einfach, aber heute kann ich sagen: Ein Glück, dass ich nicht bei der NZZ alt geworden bin.

Seit fast 40 Jahren sind Sie mit Kurt Studhalter verheiratet, der ursprünglich katholischer Priester war. Hat er sich als der ersehnte Mensch erwiesen, dem Sie sich im Innersten verwandt fühlen?

Ja, ich denke schon. Wir haben, bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensläufe, vieles gemeinsam, und ich fühle mich bei ihm sehr zu Hause.

Religion und katholische Kirche: Klang da bei Ihnen etwas an?

Zunächst einmal war es ein Thema, ein sehr ergiebiges notabene, das mich journalistisch beschäftigte. Aber natürlich spielte Persönliches mit hinein. Ich würde es eine Sehnsucht nennen, ein Suchen nach Gewissheit und Zugehörigkeit. Es ist allerdings bis heute bei der Suche geblieben.

Schon 1993, in Ihren unter dem Titel «Dem Leben recht geben» publizierten Gesprächen mit Jean Rudolf von Salis, haben Sie sich mit dem Thema Alter auseinandergesetzt. Was hat von Salis für Ihr Denken bedeutet?

Am meisten beeindruckt hat mich seine ungebrochene Neugier auf alles, was in der Welt und um ihn herum geschah. Ich glaube, das war der Grund, warum er auch mit über 90 noch so jugendlich wirkte. Daran, so habe ich damals beschlossen, will ich mir ein Beispiel nehmen.

Klara Obermüller: Die Glocken von San PantalonEin venezianisches TagebuchXanthippe-Verlag170 Seiten

Klara Obermüller:
Die Glocken von San Pantalon
Ein venezianisches Tagebuch
Xanthippe-Verlag
170 Seiten

Bild: zvg

Die im Venedig-Buch gespiegelten «vier Monate ohne Aufgabe und ohne festes Ziel» erinnern an die Situation vieler Menschen in der Coronakrise. Hilft Ihnen die Erfahrung Venedig, sie gelassener als andere zu akzeptieren?

Ob ich gelassener bin als andere, weiss ich nicht. Aber die Erfahrung von Venedig hilft mir sicher, besser mit der verordneten Ruhe zurechtzukommen, als dies früher der Fall gewesen wäre. Ich hatte mir ja vorgenommen, mich von äusserer Betriebsamkeit zu lösen und mich mehr auf mich selbst zu besinnen. Nun muss ich es tun, also tue ich es, und es fällt mir erstaunlich leicht.

Was würden Sie den Menschen in der heutigen Situation auf den Weg geben wollen?

Ich habe grundsätzlich etwas dagegen, Krankheiten oder gar Seuchen mit allzu viel Bedeutung aufzuladen. Aber natürlich frage ich mich, was diese Pandemie bedeutet und was wir daraus für Lehren ziehen könnten. So viel kann ich sagen: Sie zeigt uns, wie verletzlich unser Leben ist und wie illusorisch es ist, zu meinen, dass wir nach Belieben darüber verfügten. Ferner führt sie uns vor Augen, wie unberechenbar die Natur ist und wie erbarmungslos sie zurückschlagen kann, wenn man meint, sie zu beherrschen.

Ergibt sich daraus auch ein neues Verhältnis zum Tod?

Ja. Vielleicht lehrt sie uns ja, den Tod wieder als das zu akzeptieren, was er ist: ein Teil des Lebens. Wenn wir das bedenken und uns ins Unvermeidliche schicken, werden wir womöglich mit einem weisen Herz, wie es im 90. Psalm heisst, aus der Krise hervorgehen. Und ich wünschte mir, dass wir hinterher nicht gleich wieder in den alten Trott verfielen und uns aufführten, als wären wir Herr über Leben und Tod.

Diesen Samstag können Sie Ihren 80. Geburtstag feiern. Was bedeutet Ihnen dieser Tag?

Er ist eine Zäsur. Er sagt mir, dass ich jetzt definitiv alt bin und es Zeit wird, an den Abschied zu denken. Das ist jedoch kein Grund zu Traurigkeit. Ich schaue, etwas bang zwar, aber doch meist heiter-gelassen, dem entgegen, was auf mich zukommt.

Klara Obermüller berichtete auch schon ausführlich über ihre eigene Spurensuche: