AUSZEICHNUNG: «Wir sind bunte Vögel»

Die Anerkennungspreise der St. Gallischen Kulturstiftung gehen an zwei wegweisende Akkordeonisten. Willi Valotti und Goran Kovacevic haben bei aller stilistischen Gegensätzlichkeit viel gemeinsam.

Martin Preisser
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Willi Valotti (links) und Goran Kovacevic bei ihrem Duett an der Preisverleihung am Freitag in Ebnat-Kappel. (Bild: Urs Bucher)

Willi Valotti (links) und Goran Kovacevic bei ihrem Duett an der Preisverleihung am Freitag in Ebnat-Kappel. (Bild: Urs Bucher)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Beide gehören zu den Grossen der Schweizer Akkordeonszene, beide leben in der Ostschweiz. Und doch haben sie einander noch nie live in einem Konzert erlebt, auch einfach deshalb, weil sie selbst fast jeden Abend auf der Bühne stehen. Beide hatten mit fünf Jahren zum ersten Mal ein Akkordeon in der Hand, ihre Konzertagenden sind randvoll, und beide komponieren auch. Und das Wichtigste: Diese Künstler schauen musikalisch immer wieder weit über den Tellerrand hinaus.

«Wir Akkordeonisten sind bunte Vögel, wir tanzen auf vielen Hochzeiten», sagt Willi Valotti. Goran Kovacevic kann da nur zustimmen. Der Toggenburger mit italienischen Wurzeln, der Schaffhauser mit serbischen Wurzeln: Beide reizen sie die Grenzen ihrer musikalischen ­Stile aus. Willi Valotti, sicher der ­bekannteste Akkordeonist der Schweizer Volksmusikszene, gilt auch als Erneuerer. Die Appenzeller und die Innerschwyzer Volksmusik kennt er wie kein anderer. «Ein normaler Ländler klingt immer irgendwie ein bisschen gleich», sagt Valotti.

Schon früh hat er auch Einflüsse etwa aus der Klassik oder dem Jazz in seine Kompositionen einfliessen lassen. «In den 70er-Jahren galt das noch als ­Regelbruch. Und ich wurde von Volksmusik-Puristen damals ­manchmal recht argwöhnisch beobachtet.»

Als Teenager Valotti-Stücke gespielt

«Willis Stücke sind schon recht speziell, sie fallen angenehm aus dem üblichen Volksmusikraster heraus», lobt der 46-jährige Goran Kovacevic seinen 67-jährigen Kollegen. Als Teenager hatte der junge Goran im Akkordeonunterricht den ersten Kontakt mit Kompositionen von Willi Valotti. An ihren speziellen Stil, an diese Musik, die Grenzen der Volksmusik ausweitet, erinnert er sich bis heute. Puristen gab es auch bei Goran Kovacevic. Da rümpfte mancher mal die Nase, wenn Musik von Johann Sebastian Bach auf dem Akkordeon erklang. War­um die Grenzen ausreizen? «Ich tue es einfach», sagt der Akkordeonist, der von Balkan Jazz bis Tango, von Klassik bis zeitgenössischer Musik alles beherrscht. Und sich vor allem alles für sein Instrument aneignet. Auf momentan 47 CDs ist Kovacevics Kunst heute dokumentiert.

Willi Valotti, der über tausend Stücke eingespielt hat, sagt von seinem Instrument: «Ich erlebe es immer wieder neu, so als ob ich es noch nie gehört hätte. Ja, es ist fast so, als gehe das Akkordeon auf meine Gefühlswelten ein, nicht umgekehrt.» Goran ­Kovacevic sagt: «Ich könnte das nicht besser formulieren.» Für ihn kann das Akkordeon alle ­Gefühle ausdrücken. «Vielleicht auch, weil es ganz nah am Körper gespielt wird. Es ist wie eine Umarmung.» Bei aller Breite hat Goran Kovacevic die Volksmusik nie aus den Augen verloren. Bei seiner Bewerbung als Professor am Landeskonservatorium Feldkirch vor 18 Jahren hat er neben moderner Musik wie etwa von György Ligeti oder Sofia Gubaidulina auch ein Stück von Willi Valottis grossem Vorbild Walter Grob gespielt: Jenes «S’Toggeburg ab», welches die beiden Prämierten letzten Freitag auch an der Preisverleihung in Ebnat-Kappel vorgetragen haben. Den Musiker mit den serbischen und den mit den italienischen Wurzeln verbindet eine weitere Leidenschaft: das Musizieren mit anderen. Hahn im Korb ist Willi Valotti in Willis Wyberkapelle und seit über fünfzig Jahren nicht wegzudenken bei den Alderbuebe.

«Glänzende Idee» der St. Gallischen Kulturstiftung

Dass sie jetzt zusammen von der St. Gallischen Kulturstiftung geehrt werden, finden sie eine «glänzende Idee». Auf vielen Hochzeiten werden beide auch weiterhin tanzen. «Das befruchtet sich eben alles gegenseitig», sagt Goran Kovacevic. Innovativ wird auch Willi Valotti weiterhin seinen Blick auf die Tradition werfen. Auch wenn er vor zu viel Innovation in der Volksmusik ein wenig warnt. «Das Experimentelle darf auch nicht die Überhand gewinnen. Und zu viele unterschiedliche Einflüsse auf die Tradition sollten es nicht sein. «Sonst wird Volksmusik zum Einheitsbrei, mit der Gefahr, dass sich das Spezifische unserer Tradition zu wenig herausschält.»

Infos über die Künstler: goran-kovacevic.com; valotti.ch