Ausstellung
Wie eine Karikatur des Künstlers René Gilsi half, die Verschandelung St.Galler Stiftsbezirks zu verhindern

Von Fasnachtszeitungen bis zum «Nebelspalter»: Die St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana gibt Einblick in ihre reiche Sammlung von Karikaturen. Sie zeigen auf, welch fruchtbarer Boden die Ostschweiz für die satirische Spiegelung der jeweiligen Gegenwart gewesen ist.

Rolf App
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René Gilsis Karikatur von 1963 richtete sich gegen den Umbau des St.Galler Stiftsbezirks.

René Gilsis Karikatur von 1963 richtete sich gegen den Umbau des St.Galler Stiftsbezirks.

Bild: René Gilsi

So hat man die St.Galler Kathedrale noch nie gesehen. Der eine Turm ist zum Büroturm geworden, das Dach zum Helikopterlandeplatz. Den Umbau des Weltkulturerbes lobt die Regierung im darunter gesetzten Text bei der Eröffnung als Ausdruck einer «von Zukunftsglauben erfüllten Baugesinnung», die den «Forderungen formschöpferischen Gegenwartsbewusstseins» entspreche und eine «wohlgelungene Synthese zwischen den unvergänglichen Werten abendländischen tiefreligiösen Wesens und dem unabweisbaren Bedürfnis nach Erweiterung des behördlichen Büroraums» darstelle.

Mit bissiger Verve hat der Karikaturist René Gilsi so im Jahr 1963 ein Projekt weitergedacht, das kurz darauf in einem Sturm der Entrüstung untergegangen ist. Weil der historische Zeughausflügel des Regierungsgebäudes die Raumnot der Verwaltung nicht zu beheben vermochte, hatte die St.Galler Regierung einen Neubau ausgeschrieben. 57 Projekte waren eingegangen, wie Gilsis Karikatur trumpften sie auf mit Glas und Beton, und mit den gerade beliebten Flachdächern. Worauf an der Generalversammlung des Verkehrsvereins die Wogen hochgingen. Zum verheerenden Echo – und zum Abbruch des Vorhabens – aber trug die Karikatur zweifellos bei.

Geprägt vom Kampf der Konfessionen

In der Sammlung der Vadiana befinden sich zahlreiche Fasnachtszeitungen.

In der Sammlung der Vadiana befinden sich zahlreiche Fasnachtszeitungen.

Bild: PD

Sie ist jetzt Teil einer kleinen Ausstellung, welche Michael Zwicker von der Kantonsbibliothek Vadiana in der Bibliothek Hauptpost in St.Gallen eingerichtet hat, und die einen Einblick gibt in die reichen Karikaturenbestände der Vadiana. Wunderschöne Fasnachtszeitungen aus der Hochzeit dieses Genres an der Wende zum 20. Jahrhundert finden sich da. Ausserdem mit dem «Inspekter» die erste Satirezeitschrift des Kantons, ein Werk des radikal gesinnten Sarganserländer Lehrers Jakob Albrecht von 1861/62. Und, selbstverständlich, mit dem «Nebelspalter» aus Rorschach und seinem prägenden Zeichner und Chefredakteur Carl Böckli die bekannteste Satirezeitschrift.

Die Karikaturen zeigen, welch fruchtvoller Boden die Ostschweiz für die satirische Spiegelung der jeweiligen Gegenwart gewesen ist. Vielleicht eine Folge jener scharfen konfessionellen Gegensätze, welche die Geschichte des Kantons St.Gallen bis ins 20. Jahrhundert hinein prägen. Der «Nebelspalter» etwa, heute die älteste noch bestehende Satirezeitschrift der Welt, verschreibt sich in den Jahrzehnten nach seiner Gründung 1875 dem antiklerikalen Kampf gegen den fortschrittshemmenden Konservatismus. Auch die Flugblätter aus der Reformationszeit, welche die Ausstellung eröffnen, greifen tiefe religiöse Gegensätze auf.

René Gilsis beeindruckender Nachlass

René Gilsis Karikaturen für den Tierschutz bewegen noch heute.

René Gilsis Karikaturen für den Tierschutz bewegen noch heute.

Bild: PD

Der 2002 verstorbene Grafiker, Maler und Karikaturist René Gilsi setzt den stärksten Akzent, und zwar nicht nur deshalb, weil ein Teil-Nachlass von 900 Karikaturen in der Vadiana liegt. Man kann einige davon mittels Touchscreen erkunden. Es ist Gilsis enorme zeichnerische Kraft, die noch immer zu beeindrucken vermag. Die Zeichnungen gegen Tierversuche etwa erschüttern noch heute.

Michael Zwicker hat sie im Original in einer jener Vitrinen ausgestellt, die er in mehreren Regalen platziert hat. Der Besucher findet sie, indem er sich am Fenstersymbol am jeweiligen Regal orientiert, oder indem er planlos durch die Bücherwelt streift. Was in einer Bibliothek immer etwas Schönes ist.

«Mit spitzer Feder – Karikaturen aus den Beständen der Kantonsbibliothek», Bibliothek Hauptpost St.Gallen, bis 30. Dezember.