AUSSTELLUNG: Wenn Sicherheiten wanken

Tine Edel, Elisabeth Nembrini und Herbert Weber widmen sich dem Unscheinbaren und Alltäglichen – auf höchst ­unterschiedliche Weise. Zu sehen in den Oxyd-Kunsträumen in Winterthur.

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Herbert Weber: idea of pleasure, 2017. (Bild: Dieter Langhart)

Herbert Weber: idea of pleasure, 2017. (Bild: Dieter Langhart)

Was geschieht, wenn Verborgenes auftaucht, wenn Sicherheiten ins Wanken geraten, wenn Behauptungen manifest werden? Dies untersuchen sechs Kunstschaffende in den Oxyd-Kunsträumen in Winterthur. Drei von ihnen sind aus der Ostschweiz: Tine Edel, Elisabeth Nembrini, Herbert Weber. Und die drei präsentieren die interessantesten Positionen in der Ausstellung «Temporäre Ablagerungen und fixierte Momente».

Die St. Galler Fotografin Tine Edel hat vergangenen März im Architektur-Forum Ostschweiz Experimente mit Licht und Belichtung, mit Chemie und Zufall gezeigt. Im Oxyd stellt sie weitere Arbeiten aus jenen Serien aus. Alles analog, alles schwarz-weiss. Alles schwebend leicht und dennoch tief gründend. Beinah mystisch muten Tine Edels Aufnahmen an. Hier scheint ein Tisch durch die Luft zu fliegen. Da ein schwarzer Strich, erst der graue Schatten verrät die runde Form der Schlinge: ein ungleiches Paar, in der Stille tanzend.

Elisabeth Nembrini aus Berg ist auf beiden Geschossen vertreten. Im Parterre zwei Vertreter der Serie Speicher: Zeichnungen, aus der Dispersionsschicht auf einer Glasplatte gekratzt – in der Ausstellung mit Projektoren an die Wand geworfen. Das Gezeichnete löst sich in Licht auf, und etwas Wolkenhaftes legt sich über den Walliser Holzbau. Was gehört wohin? Was bedeutet was? Ganz anders, aber ebenso Flüchtigkeit betonend: Beispiele aus der Langzeitstudie «o. T.». Analoge C-Prints von Oberkörpern in verschwitzten T-Shirts. Anstössig? Anmutig. Die Schweissflecken und Körper erhalten eine spielerische Würde, weil die Künstlerin den Diafilm wie einen Netagivfilm entwickelt, die Farben also komplementär sind. Im Parterre die Männer, oben die Frauen, das hat die Kuratorin Daniela Hardmeier arrangiert.

Und dann dieser ernste Spassvogel, dieser assoziative In-Szene-Setzer, oft mit sich selbst als Akteur: Herbert Weber, Toggenburger und St. Galler aus dem Thurgau. Seine Situationen werden zu Behauptungen, nichts ist vor ihm sicher. Und nichts erscheint dem Betrachter als sicher. Da rollt sich Herweber (wie seine Website heisst) wie ein Embryo in einem Bilderrahmen zusammen. Da hängt ein Bild an der Wand – verkehrt rum, der Inhalt ist unsichtbar. «Stets steckt das Scheitern in seinen Arbeiten», sagt Daniela Hardmeier. Da klebt ein schwarzes Bild im Eck an der Decke als Hommage an Malewitsch’ «Schwarzes Quadrat». Noch eine Hommage, an Kim Ki-duks Film «Frühling, Sommer, Herbst, Winter – und Frühling». Und selbst das iPad wird zur Ikone. Weber hat für das Oxyd Werke aus seinem Archiv neu inszeniert und das Körperhafte und Installative auf den Raum übertragen. Mit unbändigem Ernst und ernsthaftem Witz.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Oxyd Kunsträume, Wieshof­strasse 108, Winterthur; bis 25.6. Fr/Sa 14–17, So 11–16 Uhr 11./25.6., 11.15 Uhr: Gespräch und Rundgang mit T. Edel/H. Weber

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