AUSSTELLUNG: Spiegelung, Spiegelung an der Wand

Annette Golaz schaut durch Fenster, sieht wundersame Reflexionen im Wasser und komponiert diese Flüchtigkeit zu ­fotografischen ­Geschichten. Für die Schau im Kunstverein Frauenfeld setzt Susanna Ries kurze Gedichte dazu.

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Annette Golaz und Susanna Ries beim Hängen. (Bild: Reto Martin)

Annette Golaz und Susanna Ries beim Hängen. (Bild: Reto Martin)

Selten ist in einer Ausstellung ein derart einheitliches, in sich stimmiges Schaffen zu sehen wie ­ jetzt im Kunstverein Frauenfeld. Dabei ist «Sichtwechsel» erst die zweite Einzelausstellung der Fotografin Annette Golaz. Die am Zürichsee lebende Künstlerin hat früher gemalt, und das ist ihren Fotografien anzusehen: Sie wirken oft wie Gemälde. Eine, am Utoquai aufgenommen, nennt sie ihren «Mondrian». Das sei gewollt, sagt Annette Golaz im Gespräch: «Ich suche die Qualität des Gemalten.»

Die Fotografin liebt die Langsamkeit des Schauens, Beobachtens, des zufällig Entdeckens. Hat stets eine Kamera mit, wenn sie dem See entlang geht oder in die Stadt fährt. Ihre Motive ziehen sie magisch an: Vasen in einem Fenster oder das Wasser am Hafen, ein leerer Plakatständer oder Passanten in der Sihlcity, eine beleuchtete Treppe oder eine Tramhaltestelle.

Entdecken, werweissen, ­ sich gar genarrt fühlen

Frappierend dabei ist die Konsequenz, mit der Annette Golaz ihr Grundthema auslotet: Spiegelungen, Reflexionen. Ein Thema, das unerschöpflich scheint in all ­seinen Facetten. Und ungemein spannend für den Betrachter. «Er soll nicht auf den ersten Blick ­alles erkennen», sagt die Künstlerin beim Rundgang durch die Ausstellung, «er soll zurücktreten.» Und dann entdecken, werweissen, sich liebevoll genarrt fühlen oder innerlich «aha!» sagen. Denn oft verschieben sich zwei, drei Ebenen, insbesondere bei den Aufnahmen der Gruppe «Durchsicht»: Im Vordergrund scheint zu liegen, was sich in Wahrheit hinter einem Schaufenster befindet, und ganz nach hinten schieben sich Passanten, fast unkenntlich. «Street Photography fasziniert mich», sagt ­Annette Golaz, «aber ich bin zu scheu, Menschen direkt zu fotografieren.» Nichts ist bearbeitet, nichts montiert. Die Aufnahmeorte stehen nur in der Preisliste, nicht neben dem Bild, jede Fotografie soll durch sich selbst wirken. Geschickt bespielt Annette Golaz die vier Räume des Bernerhauses, bündelt in «Seesicht» Wasserbilder (samt einer Installation aus neun Prints von der Mainau), räumliche Fotografien in «Durchsicht» und schnappschussartige in «Gesichtet». Oft hängen ähnliche Motive als kleine Gruppen. Auch den Eingangsbereich und den Innenhof nutzt die Fotografin für weitere Serien.

Die Schatzkammer liegt im hintersten Raum. «Fremdsicht» umfasst die abstraktesten, fast grafischen Aufnahmen. Susanna Ries, Autorin und Freundin Annette Golaz’, hat sie ausgewählt, auf sich wirken lassen und zu jedem ein an Haiku erinnerndes Gedicht verfasst. In dieser Serie ist Annette Golaz’ Konzept am deutlichsten erkennbar: Ein Bild ist eine Interpretation der Wirklichkeit – und die Assoziationen des Betrachters werden Teil der Interpretation.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Sa, 18.2., 17.30 Uhr (Tür 16.30), Bankplatz 5, Frauenfeld; bis 19.3. Sa 10–12/14–17, So 14–17 Uhr

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