AUSSTELLUNG: Kunst mit Zwischenraum, hindurchzuschaun

Die deutsche Künstlerin Sarah Lehnerer bewegt sich zwischen Polen wie Strenge und Offenheit, ­Realität und Fiktion, um Zwischenräume auszuloten. Nach Göttingen ist sie jetzt in Steckborn zu sehen.

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«Deep slip surface» am Fussboden … (Bilder: Dieter Langhart)

«Deep slip surface» am Fussboden … (Bilder: Dieter Langhart)

Sarah Lehnerer, erst 30, ist eine Meisterin der Schlichtheit, nicht der Reduktion. Sie bespielt die Galerie Kirchgasse mit wenigen Arbeiten, gezielt auf den Ausstellungsraum bezogen. Jedes Werk kann atmen, kann sich Raum nehmen – und dem Betrachter zugleich Raum für seine eigenen Bilder bieten. Das klingt gängig, gar trivial, ist es aber nicht. Denn gerade wenn Sarah Lehnerer flächig arbeitet, in Zeichnungen oder Prints, schafft sie Dazwischenräume.

Da zeichnet sie den Umriss eines Sessels auf zwei Folien, heftet sie mit Nägeln an die Wand, leicht versetzt zueinander, und schon wird das Möbel zum Körper. Weitere Beispiele aus dieser Serie «deep slip surface» sind auf einer Platte am Fussboden versammelt. Der Begriff stammt aus der Geologie, bezeichnet eine Gleitfuge bei Erdrutschen – und schon rutscht unsere Wahrnehmung mit in einen neuen Raum, den die Künstlerin hier erschafft. Dazu gehört «Noland I», ein blaues, auf Gaze gedrucktes Rechteck, das wie ein Stück Himmel an der Wand hängt und jeden Lufthauch mitmacht. Ihm gegenüber ein erstarrtes Himmels-Pendant, eine Frottage auf einer Gipsplatte mit einer kleinen Wolke im Eck, «Noland (plaster)» genannt wie sein in Grau gehaltener Zwilling. «Noland» heisst auch die gesamte Ausstellung, zu der etwa ein Video gehört, flüchtig gefilmt mit einer in der Hand gehaltenen Drohne. Oder Skulpturen aus weiss lackiertem Ton, deren Kuhlen an Taufbecken erinnern mögen – und schon fliesst Wasser aus ihnen.

Sarah Lehnerer entzieht sich der Wirklichkeit, nicht der Wahrnehmung. Sie gestaltet eben kein Land, sondern eine Gedankenlandschaft aus ihren Absichten und unseren Vermutungen. Und da sind noch vier silbern lackierte Bambusstangen. Mit diesen filigranen «strands» zieht sie beliebig Waagrechte und Senkrechte durch den Galerieraum und schafft so Wände, also neue Räume. Zwischenräume eben.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Sarah Lehnerer: Noland, Galerie Kirchgasse, Steckborn; bis 8.7. Do–Fr 11–18, Sa 10–17 Uhr