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AUSSTELLUNG: Keine reine Männersache

Göttinnen spielten im Altertum eine wichtige Rolle; in den monotheistischen Religionen verengte sich der Blick. Das Jüdische Museum Hohenems widmet sich der verdrängten weiblichen Seite Gottes.
Bettina Kugler
Als Kunstwerk an der Autobahnausfahrt Kufstein Nord erregte das «Grüss Göttin»-Schild von Ursula Beiler die Gemüter. Derzeit steht es einladend vor dem Jüdischen Museum.

Als Kunstwerk an der Autobahnausfahrt Kufstein Nord erregte das «Grüss Göttin»-Schild von Ursula Beiler die Gemüter. Derzeit steht es einladend vor dem Jüdischen Museum.

Bettina Kugler

Halb Frau, halb Reptil: So malt sich der Niederländer Hugo van der Goes um 1479 die Urheberin des biblischen Sündenfalls aus. Eine Schlange mit Frauenkopf verleitet Eva, von der verbotenen Frucht im Paradiesgarten zu kosten; die Gesichter Evas und der Schlange ähneln einander wie die von Zwillingen. Im christlichen Spätmittelalter hat sich die Vorstellung einer männlichen Gottheit, eines Herr-Gottes oder Gottvaters längst verfestigt; das Weibliche wird dämonisiert oder in der Gestalt der Jungfrau Maria idealisiert. Auch Judentum und Islam gehen von einem maskulinen Weltherrscher aus – dabei sollen sie sich eigentlich «kein Bild machen» von ihrem Gott.

Wie es zu dieser Verengung in den grossen monotheistischen Religionen kam und was ihr vorausging: Dieser Frage widmet sich das Jüdische Museum Hohen­ems in seiner aktuellen Ausstellung «Die weibliche Seite Gottes». Entstanden ist sie in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Frankfurt und dem Museum of the Bible in Washington. Die Kuratorinnen Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein haben mit kritischem Blick die Quellen studiert und für die kompakte, durch Audiostationen und Filmausschnitte ergänzte Schau Exponate ausgewählt, die bis ins Alte Israel und Ägypten zurückreichen. Dabei beteuern sie, mit Feminismus «eigentlich nichts am Hut» zu haben.

Der Schöpfer Gott ist Mann und Frau

Vergegenwärtigt man sich allerdings, welchen Aufruhr die Künstlerin Ursula Beiler über Jahre hinweg erregte, als sie 2009 an der Tiroler Autobahnauffahrt Kufstein-Nord das Schild mit der Aufschrift «Grüss Göttin» aufstellte, so birgt die Unterstellung einer weiblichen Seite Gottes, ja einer womöglich weiblichen Gottheit offensichtlich erhebliches Erregungspotenzial. Auch in einer weitgehend säkularisierten, ins Hier und Jetzt verliebten Gesellschaft. Mehrmals musste das Schild wegen Schmierereien oder Beschädigungen erneuert werden; derzeit steht es einladend in Hohenems vor der Villa Rosenthal.

Die Schriften jedenfalls, angefangen mit der Schöpfungserzählung im ersten Kapitel des alttestamentarischen Buches Genesis, lassen durchaus Zweifel daran zu, dass Gott sich rein männlich definieren lässt. Der Schöpfer wird dort zwar mit menschlichen Zügen beschrieben; er erscheint als Wesen, das zu sich selbst spricht: «Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.» Er als das Vorbild aber, so legt der folgende Satz nahe, ist männlich und weiblich: «Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.»

Wäre da nicht die zweite Version der Geschichte: Jene, in der zuerst Adam geschaffen wird – und dann «eine Hilfe, die ihm entspricht». Eva, geformt aus Adams Rippe, nicht als göttliches Abbild. Jüdische Gelehrte behalfen sich im ersten Jahrtausend mit der Erklärung, es habe zwei Evas gegeben: eine erste nach Gottes Abbild, die sich nicht unterordnen wollte und Gott frevlerisch beim Namen genannt habe. Und eine zweite, die Ersatz-Eva. Die ungehorsame erste entwickelte sich zur Dämonengestalt, angelehnt an die sumerische Gottheit Lilith: die Verführerin. Zu sehen etwa auf dem Gemälde des niederländischen Meisters van der Goes aus dem Kunsthistorischen Museum Wien.

Wie reich der Göttinnenhimmel noch im Altertum war, lässt sich im ersten Raum der Ausstellung besichtigen. Zu sehen sind ­Figurinen aus Kupfer, Ton und Bronze; Göttinnen aus Kanaan, Judäa und Ägypten mit grossen Brüsten, Idole der Fruchtbarkeit wie die syrisch-kanaanäische Aschera, die mehrfach in der Bibel erwähnt wird. Die Betonung der Fruchtbarkeit, der nährenden Kraft des Weiblichen wird sich später fortsetzen in Darstellungen der stillenden Maria («Maria lactans») oder einer Marienfigur aus geschnitztem, vergoldetem Olivenholz, die in sich den dreifaltigen Gott trägt. Die in der Schau gezeigte «Vierge Ouvrante», auch «La Trinité» genannt, stammt aus den Pyrenäen; sie entstand Mitte des 15. Jahrhunderts und galt als ketzerisch.

Einen Seitenblick werfen die Kuratorinnen auch auf göttliche Machtkämpfe wie in Mozarts «Zauberflöte» zwischen Sarastro und der Königin der Nacht, zu sehen in Ausschnitten aus David Pountneys Inszenierung auf der Bregenzer Seebühne. Thematisiert wird die zunehmende Verdrängung von Frauen aus Kult und Lehre, das Verschwinden von Priesterinnen, Prophetinnen, weiblichen Schriftgelehrten. Erst 1937 wurde eine Rabbinerin eingesetzt, weltweit die erste: die Berlinerin Regine Jonas. Sie war nur wenige Jahre im Amt; 1943 wurde sie in Auschwitz ermordet. Spannende Zeitbezüge entstehen durch Arbeiten heutiger Künstlerinnen – die sich wie Ursula Beiler mit dem «Grüss Göttin»-Schild über tradierte Vorstellungen und Denkmuster hinwegsetzen.

Bis 8. Oktober 2017

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