AUSSTELLUNG IN ST.GALLEN: St.Galler Rocksängerin zeigt ihre Monster

Martina Dieziger lässt es auf der Bühne als Sängerin der Rockband Posh krachen. Weniger bekannt ist, dass die 39-Jährige auch im stillen Kämmerchen kreativ ist – und kleine Ungeheuer kreiert.

Melissa Müller
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«Meine Figuren sind nicht besonders glücklich»: Martina Dieziger mit Selbstporträt. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Meine Figuren sind nicht besonders glücklich»: Martina Dieziger mit Selbstporträt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Melissa Müller

Ein Esel reisst entsetzt die Augen auf. Ein Hund stülpt sein Gebiss über eine knochendürre Rockerbraut mit einem Joint. Ein blauer Marsmensch grinst hämisch. Ein Punk schrummt auf einer gift­grünen Gitarre, auf der «Fuck» steht. Martina Dieziger ist selber überrascht über die Bilder und Figuren, die beim Malen und Modellieren aus ihr herausströmen.

Jetzt präsentiert die Sängerin der Rockband Posh in der Galerie vor der Klostermauer in St.Gallen ihre erste Einzelausstellung. «Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommt», sagt die St.Gallerin, die beim Kanton arbeitet. Als Rocksängerin hat sich die bald 39-Jährige überregional einen Namen gemacht.

Weniger bekannt ist, dass sie auch Puppen gestaltet, die einem Tim-Burton-Film entsprungen sein könnten. Und die ebenso filigran sind wie sie selbst. Tatsächlich hat sie auch sich selber als Gothic-Lady modelliert. Samt schwarzer Franse über den Augen, Nietengürtel und schwarzen Fingernägeln. Als Künstlerin nennt sie sich «Mardi Malt».

«Misserfolge bringen dich weiter»

Texte und Monsterfiguren verknäueln sich auf ihren Bildern zu einem beunruhigenden Chaos. «Sometimes you get to the top, but most often not», steht da etwa – «manchmal schaffst du es an die Spitze, aber meistens nicht.» «Es sind die schwierigen Momente im Leben, aus denen wir am meisten lernen», sagt sie. «Die Rückschläge und Misserfolge.» Und spielt damit auch auf ihre musikalische Karriere an, die verheissungsvoll begann. Anfang der 2000er Jahre spielten Posh auf nationalen Bühnen, schafften es sogar ins Vorprogramm von Jon Bon Jovi – ein Höhepunkt, an den sie bislang nicht anknüpfen konnten. Doch Posh bleiben dran, haben nach ihrem Comeback Anfang Jahr ein neues Album herausgebracht.

Schon lange zeichnete und skizzierte die Sängerin in ihr ­Tagebuch. Ihre selbstgemalten Weihnachtskarten kamen im Freundeskreis gut an, was sie ermutigte, sich an etwas Dreidimensionalem zu versuchen. «Dabei war ich in der Handarbeit nie besonders gut.»

Ein König ohne Besitz

Aus Fimo, Draht und Schaumstoff modelliert sie wit­zige Figürchen, die sie im Ofen ihrer Wohnung im Osten der Stadt St.Gallen backt. Etwa einen König, der auf seine viel zu grossen, leeren Hände starrt. «Das ist der König, der nichts hat», erklärt sie. Die Hände ihrer Kreaturen seien ausgeprägt gross, weil sie versuchten, die Welt zu «begreifen». Auch «Wirehead-Man» hat den Überblick verloren: ein Raver mit aufstehenden Haaren aus Draht und dunklen Schatten unter den Augen. «Er ist 24 Stunden am Tag auf allen Kanälen, weshalb ihm die Realität abhandengekommen ist», sagt seine Schöpferin, die ein Faible für Wortspiele hat: Einen Kuh-Mann in Lederhosen nennt sie den «Dis-Kuh-tierer».

Martina Dieziger nimmt sich beim Gestalten Zeit, taucht ab in ihre innere Welt und hört dabei bewusst keine Musik.

Zu viele Frösche geküsst

Mal verwandelt sich dabei ein Bierdosendeckel oder ein Schneckenhaus in die Kopfbedeckung einer ­Puppe. Oder ein Popsong wie «I kissed a girl» von Katy Perry ­inspiriert sie zu einem Bild. Bei Dieziger wird daraus «I kissed a frog»: Eine enttäuschte rothaarige Prinzessin hält einen Frosch in der Hand, der «sorry» sagt. Daneben eine endlose Schlange von Typen mit fürchterlichen Grimassen, die sich als Prinzen bewerben. Das sei nicht autobiografisch, sagt Martina Dieziger lachend. Sie hat ihren Prinzen schon lange gefunden, ist seit 20 Jahren mit dem Schlagzeuger ihrer Band liiert. «Aber einige meiner Freundinnen sind schon lange auf der ­Suche und haben es nicht leicht.»

Typisch für ihre Gestalten ist, dass sie androgyn aussehen und etwas kaputt und verlebt wirken, als seien sie gerade aus einem Rausch erwacht und würden sich in der realen Welt nicht zurechtfinden. «Meine Figuren sind nicht besonders glücklich», sagt Martina Dieziger. Als Nächstes will sie ihre kleinen Frankensteins mit mechanischen Mitteln zum Leben erwecken.

Bis 21. 5., Galerie vor der Klostermauer, St. Gallen. Apéro heute So, 11 bis 13 Uhr. Konzert von Posh Acoustic Duo am Fr, 19.5., 19.45 Uhr. www.mardimalt.ch

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