Ausstellung
«Ich war schockiert über die vielen leerstehenden Ladenlokale»: Warum zwei junge Kreative die St.Galler Altstadt mit leuchtenden Fabelwesen bevölkert haben

Zuzanna Weiss und Christian Altherr bringen mit ihren surrealistischen Objekten, die in den Schaufenstern von fünf verwaisten St.Galler Geschäften zu sehen sind, etwas Licht ins Dunkel unsicherer Zeiten.

Christina Genova
Drucken
Teilen
Christian Altherr und Zuzanna Weiss vor dem St.Galler Spisermarkt, wo einige ihrer Fabelwesen zu sehen sind.

Christian Altherr und Zuzanna Weiss vor dem St.Galler Spisermarkt, wo einige ihrer Fabelwesen zu sehen sind.

Benjamin Manser

Drip und Drop, die beiden Glaskolben, haben sich gleich bei Ausbruch der Pandemie daran gemacht, einen Impfstoff zu entwickeln. Sie leuchten in einem grossen Schaufenster im Spisermarkt. An der Multergasse 11, im ehemaligen ABM-Gebäude, hat sich hingegen die «Mood-Transformation-Machine» einquartiert. Sie verschluckt jeden, der sich weigert zu lächeln, besonders gerne Bünzli und bornierte Menschen.

Insgesamt 21 surrealistisch-dadaistische Leuchtobjekte bevölkern seit dem Wochenende fünf leerstehende Ladenlokale in der St.Galler Altstadt und bringen etwas Licht in die dunklen Zeiten der zweiten Welle. Sie sind bis Mitte Januar zu sehen und stammen von den Kreativen Zuzanna Weiss und Christian Altherr. Seit fünf Jahren betreibt das Paar in Zürich ein gemeinsames Studio, das interdisziplinär in den Bereichen Design, Kunst und Film arbeitet.

Von der Europaallee nach St.Gallen

Die «Mood Transformation Machine» verschluckt jeden, der sich weigert zu lächeln.

Die «Mood Transformation Machine» verschluckt jeden, der sich weigert zu lächeln.

PD

Die 32-jährige Weiss ist gebürtige Polin und hat am Royal College of Art in London studiert. Sie hat jedes der Objekte mit einem Namen und einer kleinen Geschichte versehen. Über einen QR-Code an den Schaufenstern können die fantasievollen Beschreibungen nachgelesen werden – aktuell nur auf Englisch. Der 37-jährige Altherr ist in Mörschwil aufgewachsen und hat ein Studium in Wirtschaft und Designmanagement. Mitte November spazierte er mit seiner Schwester durch St.Gallen:

«Ich war schockiert über die vielen leerstehenden Ladenlokale und überlegte, was man dagegen tun könnte.»

Die Idee, mit ihren bereits bestehenden «Concrete Desert Creatures», den Betonwüste-Kreaturen, Halt in St.Gallen zu machen, lag nahe.

Die Leuchtobjekte bestehen aus einem Gerüst aus Armierungseisen. Altherrs Cousin, der Schweisser ist, unterstützte das Paar bei den Schweissarbeiten. Die Bespannung aus Vorhangstoff haben die beiden von Hand an die Skulpturen genäht. Das warme Licht im Innern stammt von massgefertigten Neonröhren.

Erstmals waren 35 dieser leuchtenden Geschöpfe, die im Auftrag der SBB entstanden sind, 2018 in der Zürcher Europaallee zu sehen. Dort hatte das Paar bis im Frühling sein Studio. Dann entschloss es sich, den teuren Standort aufzugeben und im Homeoffice zu arbeiten. Auch seine Geschöpfe wurden Opfer der Pandemie: Eigentlich hätten sie diesen Winter in einem Fin-de-Siècle-Hotel in Zermatt gezeigt werden sollen. Das Projekt wurde auf 2021 verschoben.

Damit die Strassen lebendiger werden

Warmes LIcht im leerstehenden Ladenlokal: «Lost Horses» an der Schmiedgasse 28a.

Warmes LIcht im leerstehenden Ladenlokal: «Lost Horses» an der Schmiedgasse 28a.

Bild: PD

Kaum war die Idee geboren, die Kreaturen nach St.Gallen zu bringen, machte sich das tatkräftige Paar auch schon an die Umsetzung. Altherr nahm Kontakt mit Eigentümern von leerstehenden Liegenschaften auf – was sich als sehr aufwendig erwies: «Doch als ich sie endlich aufgespürt hatte, waren sie sehr offen», sagt der Gestalter.

Von der Standortförderung wurden die beiden Kreativen zwar bei der Suche nach Lokalitäten unterstützt, ein finanzieller Zustupf war jedoch nicht möglich. Also entschloss sich das Paar, das Projekt alleine zu stemmen, denn sie wollten in diesen unsicheren Zeiten etwas Licht ins Dunkel bringen, wie Weiss sagt: «Für die Nachbarn, damit sie nicht mehr einen dunklen, leeren Raum anschauen müssen. Für die Vermieter, damit ihr Lokal mehr Sichtbarkeit erlangt. Und auch für die Passanten und die Stadt, damit die Gassen etwas lebendiger werden.»

Die dadaistisch-surrealistischen Leuchtobjekte bevölkern das ganze Erdgeschoss der Multergasse 11.

Die dadaistisch-surrealistischen Leuchtobjekte bevölkern das ganze Erdgeschoss der Multergasse 11.

Bild: PD

altherrweiss.ch/Concrete- Desert-Creatures