AUSSTELLUNG: Höhenflug über die Landschaft

Landschaftspflege mit der Dufourkarte: Der gebürtige Herisauer Peter Stoffel zeigt grossformatige Malerei im Kunstraum Kreuzlingen.

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Peter Stoffel geht in seinen Bildern von der Schichtung der Voralpenlandschaft aus. (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Peter Stoffel geht in seinen Bildern von der Schichtung der Voralpenlandschaft aus. (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Er könne aus dem Handgelenk heraus arbeiten, auch aus der Schulter – nicht jedoch aus dem Ellbogen. Dies sagt ein grossgewachsener Mann, der nicht als Tischler oder Sportler reüssiert, sondern als Künstler. Als Kommentar dazu, dass er in der Malerei grosse Formate wählt, in der Zeichnung aber auch solche von Kopfesgrösse, hört sich das überraschend einfach an, aber auch stimmig.

Wer Peter Stoffel im Kunstraum Kreuzlingen beim Aufbau seiner Ausstellung erlebt, ist schnell davon überzeugt, jemanden vor sich zu haben, für den Kunst nicht verkopft ist, sondern ein notwendiges «Lebensmittel», das den Alltag prägt, ohne dass sein Schöpfer gezwungen ist, dabei ständig in den Abgrund zu schauen.

Und das, obwohl der in Genf lebende Peter Stoffel manchmal wochenlang an einem Gemälde arbeitet und dabei viele Stunden, manchmal zehn Stunden ohne Unterbrechung, vor einer Leinwand verbringt. Immer ist ihm dies dann auch ein physisch präg-nantes Ereignis.

«Gedränge und Leere» ist die Ausstellung im Kunstraum überschrieben, in der Grossformatiges den Ton angibt. Eigentlich keine Überraschung, denn Peter Stoffel kommt von der Landschaftsmalerei. Er ist dabei geprägt von der «Schichtung» der Landschaft im Voralpenland (geboren wurde er 1972 in Herisau). Stoffel ist den Weg in die Abstraktion gegangen, hat Flächen aufgelöst und in Fraktale zerlegt. Kleine «Fehler», die sich dadurch zwangsläufig ergeben, schreiben sich im Zuge der Arbeit am Bild fort – was eine Parallele wiederum in der Natur findet. Was dann ornamental wirken kann, möchte Peter Stoffel jedoch keinesfalls als ornamental verstanden wissen. Trotzdem vermitteln die solcherart entstandenen Strukturen – auch in ihrer jeweiligen Farbigkeit, die auf Schwarz und Weiss reduziert sein kann – neben frischer Bewegung auch die Ruhe eines verlässlichen Gefüges.

Landschaft wächst wie ein Energiegeflecht

Peter Stoffel hat nicht immer das Glück, viele seiner grossformatigen Arbeiten gleichzeitig präsentieren zu können. Im hohen und weiten Kunstraum Kreuzlingen treten sie miteinander in Beziehung, wird die Landschaft noch ganz anders fortgeschrieben. Stoffel hat nämlich als Basis seiner «Landschaftspflege» eine Verortung ganz anderer Art herangezogen: die Dufourkarte, das erste Kartenwerk, das die Schweiz darstellte. Ausgehend von Höhenlinien entsteht für Peter Stoffel eine Landschaft, die sich in ihren Faltungen in alle Richtungen weiterentwickelt und doch flach bleibt. Fluchtpunkte sucht man vergeblich, Stoffel lässt seine Landschaft als ein Energiegeflecht wachsen, das uferlos ist. «Das Bild geht eigentlich überall weiter, es ist wie ein Höhenflug über die Landschaft», sagt Peter Stoffel. Schon im Arbeitsprozess ist dieser Effekt angelegt, denn der Künstler dreht die an der Wand stehenden übermannshohen Leinwände immer wieder, während er malt.

Auch im Kunstraum Kreuzlingen kann man sich dem Anspruch der Gemälde auf Präsenz nicht entziehen. Peter Stoffel hat seine Landschaften tief gehängt, sie wachsen fast aus dem Boden. «Der Betrachter soll ins Bild ‹reingehen›, dessen Uferlosigkeit spüren können.» Möglich ist dies nur, weil er sich auf viele Farbschichten verlassen kann, die das Werden eines jeden Gemäldes dokumentieren.

Brigitte Elsner-Heller

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Peter Stoffel: «Gedränge von Leere», Kunstraum Kreuzlingen; bis 25.6. Fr 15–20, Sa/So 13–17 Uhr. Tiefparterre: Boris Petrovskys «Abwesenheitsassistenz»