Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

AUSSTELLUNG: Dunkle Schluchten in der Zwergenwelt

Das Kunstmuseum Appenzell widmet sich einem wenig bekannten Werkaspekt des in Tägerwilen aufgewachsenen Malers Ernst Kreidolf: seinem Hang zum Düsteren. Eine Reaktion auf das Zeitgeschehen um die Jahrhundertwende und im Ersten Weltkrieg.
Bettina Kugler
In Tannen und Sträuchern schlummern Ungeheuer: ein Blatt aus Ernst Kreidolfs «Wintermärchen», entstanden 1917. (Bild: Pro Litteris, Zürich)

In Tannen und Sträuchern schlummern Ungeheuer: ein Blatt aus Ernst Kreidolfs «Wintermärchen», entstanden 1917. (Bild: Pro Litteris, Zürich)

Bettina Kugler

Auf seinen Bildern trinken Gänseblümchen Tee im schattigen Garten. Zwerge liefern sich mit Eichhörnchen im Baumwipfel eine muntere Schneeballschlacht oder lassen sich von ihnen im Schlitten durch die winterliche Landschaft ziehen; sie fahren Bob im Eiskanal oder schauen den Gimpeln beim Festschmaus zu. Die zauberhaften Szenen aus dem «Wintermärchen», entstanden in den 1920er-Jahren, kommen zur rechten Zeit ins Kunstmuseum Appenzell: Beim anschliessenden Spaziergang durch den Schnee glaubt man tatsächlich, hier und da einen bemützten Wichtel vorbeihuschen zu sehen. Oder bäumen sich da in den Tannen nicht bedrohliche Ungeheuer auf, bereit, uns mit ihren mächtigen Armen eiskalt zu verschlingen?

Bilderbuchschätze, Wurzeln des Bösen

Es sind diese beiden Seiten, die in Ernst Kreidolfs Kunst zusammenkommen, oft auf ein- und demselben Blatt. Nicht nur, dass er die Wald- und Wiesenwelt im Kleinen fabulierfreudig und liebevoll belebt hat, dass er sie vermenschlicht und doch in ihrer natürlichen Erscheinung akribisch genau erfasst und abbildet. Er sieht immer ein bisschen mehr. Was auf den ersten Blick niedlich wirkt, mal eher idyllisch, mal mit feinem Humor in Szene gesetzt, ist der freundlich-lichtvolle Vordergrund der Natur. Das Böse, Dämonische freilich lauert im Schatten, in Bergschluchten, im Gewirr verknoteter Wurzeln, die wie Knochen einen spukhaften Totentanz abhalten.

Natürlich ist «Wurzelspuk», ein düsteres Aquarell auf schwarzem Papier aus dem Jahr 1922, kein Blatt der legendären Bilderbücher, mit denen der in Bern ­geborene, in Tägerwilen aufgewachsene Maler Ernst Kreidolf (1863–1956) bekannt wurde und bis heute berühmt ist. Mehrere Generationen wuchsen auf mit den zarten Szenen aus «Blumen-Märchen» und «Sommervögel», aus Büchern wie «Wintermärchen», «Lenzgesind», «Grashupfer» oder «Das Hundefest». Für Nostalgiker sind sie heute wieder erhältlich in hochwertigen Ausgaben, erschienen im Zürcher Verlag Nord-Süd. Doch über die insgesamt 16 in den Jahren zwischen 1894 und 1935 entstandenen Bilderbücher hinaus hinterliess Kreidolf ein umfangreiches Werk an Gemälden und Zeichnungen, welche dem vertrauten Bild des heiter-verspielten Poeten mit Stift und Pinsel nicht entsprechen. Sie zeugen vielmehr von einem zeitkritischen Geist und einer empfindsamen, von mehreren Nervenkrisen geschüttelten Künstlerseele, angezogen von religiösen Stoffen, fasziniert von dämonischen Kräften. Ein frühes Beispiel dafür ist das Gemälde «Sankt Nikolaus» (1895), Plakatmotiv der Ausstellung «Bergzauber und Wurzelspuk» im Kunstmuseum Appenzell, ein weiteres, aus demselben Jahr, «Der Föhn»: ein sich blähender düsterer Riese, der wie King Kong zwischen den Felsen wütet.

Ob im Schnee oder an schattigen Hängen, im Dämmerlicht der gebirgigen Landschaft oder in der Schlacht um den Goldberg der Schweiz, einem apokalyptischen Aquarell aus dem Nachlass: Kreidolfs Alpenmalerei hat nichts Beschauliches. Sie mag reagieren auf den boomenden Alpinismus (zu dem es einen eigenen Raum gibt), mag aus eigenen längeren Aufenthalten im bayrischen Partenkirchen und im Engadin schöpfen. Doch sie ist häufig allegorisch zu lesen.

Eisenhut, Arnika und das Grashupferheer

Die von Sibylle Walther kuratierte Schau war zuvor im Schlossmuseum Spiez zu sehen; sie entstand in enger Kooperation mit dem Verein Ernst Kreidolf, der Burgerbibliothek Bern, dem Kunstmuseum Bern und der Gemeinde Köniz und lädt dazu ein, diese dunkle Seite des Malers zu entdecken. In Appenzell kommt die künstlerische Verbindung zu Carl August Liner als weiterer ­Aspekt hinzu. Die beiden lernten sich an der Akademie der Bildenden Künste in München kennen und blieben zeitlebens brieflich verbunden. Zwergen, Elfen und Blumenmythen dürfen in der Schau freilich nicht fehlen. Nicht zufällig stehen sie am Ende des Rundgangs. Dann nämlich sieht man Eisenhut, Rittersporn und Germer oder die heilende Frau Arnika mit anderen Augen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.