AUSSTELLUNG: Die Kunstversammlerin

Der Kunstverein Frauenfeld hat die St.Gallerin Lucie Schenker eingeladen. Und sie schart in «Verzweig» befreundete Kunstschaffende um sich, die sie teils seit Jahren begleiten.

Dieter Langhart
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Lucie Schenker stellt Josef Felix Müllers Steinschleudern auf. Im Hintergrund sind einige ihrer Grafitzeichnungen zu sehen. (Bild: Donato Caspari)

Lucie Schenker stellt Josef Felix Müllers Steinschleudern auf. Im Hintergrund sind einige ihrer Grafitzeichnungen zu sehen. (Bild: Donato Caspari)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Fünfzehn Künstlerinnen und Künstler in den vier Räumen und im Garten des Bernerhauses zu versammeln – das scheint unmöglich. Nicht für Lucie Schenker. Die St.Gallerin ist keine Einzelgängerin. Sie hat sich stets vernetzt, ausgetauscht, hat «lieber gemeinsam als allein Kunst gemacht». Damals war das auch nötig, als das St.Galler Kunstmuseum über Jahre geschlossen war. Jetzt hat Lucie Schenker, gemeinsam mit ihren Töchtern Katja und Anina, Weggefährten um sich versammelt.

In «Verzweig» entwickeln die zwei Töchter das Konzept von «Schenker, Schenker und Schenker» weiter, der Familienausstellung 2003 im damaligen St.Galler Projektraum Exex. Anina Schenker: «Die Ausstellung kombiniert Arbeiten von Personen, die meine Mutter oder ihr Schaffen zu einer bestimmten Zeit kannten, oder über eine lange Zeit kennen, und die vielleicht ihre Arbeit beeinflusst haben oder von ihr beeinflusst worden sind.»

Telefonkabel und ­Chromstahldrähte

Die Vielfalt von Wechselwirkungen aus gegenseitig befruchtenden Begegnungen zeigt sich wunderbar schon auf Einladungskarte und Plakat. Schwarz-weiss, ohne Zwischentöne: ein Strommast in Thailand, an dem ein Wirrwarr von Strom- und Telefonkabeln zusammenkommen. «Das Motiv stammt aus der Fünferserie ‹Telethai›», sagt Lucie Schenker. 2013 war sie im Architekturforum in St.Gallen zu sehen gewesen.

Der Metalldraht war dort als Lucie Schenkers Lieblingsmaterial auszumachen. Im Kunstverein Frauenfeld zeigt sie im ersten Raum eine frühere Arbeit: Zwei Quader aus Chromstahl­draht, die sich gegenüberstehen und mit nur wenigen Fäden verbunden sind – eine luftige Transparenz zwischen Formstrenge und Leichtigkeit.

Nicht einfach war es für Lucie Schenker und ihre Töchter auch, all ihre Weggefährten in den vier Räumen und im Garten zu positionieren. Für mehr als je ein, zwei Werke reichte der Platz nicht. Umso mehr galt die Aufmerksamkeit der Künstlerinnen beim Hängen und Stellen einem ordnenden Prinzip: Jeder Raum sollte für sich eine Einheit bilden bei aller Breite des künstlerischen Ausdrucks. Raum eins ist geometrisch-abstrakt gehalten. Von der Decke hängt der «Traumfänger» von Katharina Henking: dunkelgraue Gummibänder an einem Ast. Raum drei enthält rhythmische bis kalligrafische Strukturen, etwa Stefan Rohners «Gelber Schlauch» und Lucie Schenkers grüne Acrylglasschlange, ein Beispiel aus ihrer Serie «Skript».

Aufgelegte Editionen ­ergänzen die Kunstwerke

Der vierte, hinterste Raum, «organisch» genannt, bildet einen Gegenpol. Weiche Formen dominieren, so in «gravità dorato, gravità grafite» von Lucie Schenker: eine vergoldete und eine mit Grafit überzogene Holzkugel, ein gegensätzliches und sich doch einiges Paar. Oder in einer amorphen Skulptur von Katja Schenker, ihrer älteren Tochter. Im Garten schliesslich sind Doris Naefs «Inselwelten» zu sehen.

Und Raum zwei? Auch er ist nicht überladen. Hier steht ein Tisch zum Empfang, darauf liegen Editionen und Multiples der beteiligten Künstler. Hier kommen die in «Verzweig» ausgelegten Fäden gewissermassen zusammen. Und auch hier wird spürbar, wie unter den fünfzehn Persönlichkeiten aus drei Generationen (der älteste Künstler ist der letztes Jahr verstorbene St.Galler David Bürkler) bei aller Eigenständigkeit auch zahlreiche Bezüge zu erkennen sind. Weggefährten eben.