Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

AUSSTELLUNG: Ausstellung: So leben Juden in der Ostschweiz

Wer sind die Jüdinnen und Juden, die in der Schweiz leben? Was beschäftigt sie, wie sieht ihr Alltag aus? Diesen Fragen geht die Sonderausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen nach.
Julia Nehmiz
Roland Richter, Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in St. Gallen, vor dem Ausstellungsporträt über ihn. (Bild: Michel Canonica)

Roland Richter, Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in St. Gallen, vor dem Ausstellungsporträt über ihn. (Bild: Michel Canonica)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@tagblatt.ch

Jetzt ist die Ausstellung in St. Gallen zu sehen. Endlich, möchte man sagen – seit zwei Jahren reist die Wanderausstellung «Schweizer Juden: 150 Jahre Gleichberechtigung» durch die Schweiz. St.Gallen ist der 14. und wohl letzte Ort, an dem sie gezeigt wird. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) hatte die Ausstellung konzipiert zum 150-Jahr-Jubiläum der Niederlassungsfreiheit, die den Juden 1866 gewährt wurde. 15 Porträts von Schweizer Juden aus allen Landesteilen, alte und junge, Frauen und Männer, Unternehmerin, Erotikstar, Jus-Doktorandin oder SVP-Politiker, ergänzt mit kurzen, persönlichen Texten. Berührende Einblicke in jüdisches Leben heute in der Schweiz.

Man habe bewusst keinen orthodoxen Juden porträtiert, sagt Valerie Arato-Salzer vom SIG, Projektleiterin der Ausstellung. «Wir wollen die Vielfalt in der Schweiz zeigen und nicht auf das Klischee des Schläfenlocken tragenden Juden reduzieren.»

Integration ist ein ­Mehrgenerationenprojekt

Das Historische und Völkerkundemuseum hat die Wanderausstellung um die Porträts von acht Ostschweizer Jüdinnen und Juden ­ergänzt. Die kleinen schwarz-weissen Fotografien fallen gegenüber den grossformatigen, cineastischen Bildern ab. Doch die Texte von Autorin Brigitte Schmid-Gugler offenbaren bewegende Begegnungen.

Der 73-jährige Roland Richter hatte sofort zugesagt, sich für die Ausstellung porträtieren zu lassen. Er war lange im Vorstand der jüdischen Gemeinde St. Gallen, von 1995 bis 2009 ihr Präsident. Seine Frau und er engagieren sich bis heute in der Gemeinde. Jetzt blickt er in der Ausstellung auf das Porträt von Vera Rottenberg. Die ehemalige Bundesrichterin ist wie Roland Richter in St. Gallen aufgewachsen. «Als mein Leben 1944 in Budapest begann, gab es für mich keinerlei Rechte», liest Richter vor und fügt an: «Hinter diesem Satz steckt eine hochdramatische Geschichte.» Rottenberg überlebte, weil Carl Lutz ihrer Familie einen Schutzbrief ausstellte.

Die Ausstellung ist Roland Richter ein Anliegen. Es gehe darum, über Integration nachzudenken. Den Schweizer Jüdinnen und Juden sei es gelungen, sich gegen massive Widerstände zu integrieren. «Integration ist ein Mehrgenerationenprojekt.» Er selber hat nie einen offen anti­semitischen Übergriff erlebt. Eine Ausnahme: Einmal gab es Schmierereien auf dem jüdischen Friedhof. Nein, er und seine Frau fühlen sich sicher in der Schweiz.

Doch die Sicherheit ist nicht überall gewährleistet. Vor der ­Synagoge in St. Gallen wachen zwar keine Polizisten. Aber: Der Eingang wird nicht benutzt. Zu gefährlich. Die Gemeindemitglieder betreten die Synagoge über den Innenhof, dort sind Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes postiert. «Würden wir nach dem Gottesdienst vor der Synagoge stehen und plaudern, wäre das Risiko eines Anschlages zu gross.»

Richter, der viele Jahre eine gynäkologische Praxis in St. Gallen leitete, ist ein begnadeter und lustvoller Geschichtenerzähler. Von seinem Auftritt als Josef beim Krippenspiel, der Begegnung mit dem Sohn von David Frankfurter, von der Empathie in Jerusalem, der Wahlheimat seiner Tochter, warum Ostschweizer Juden nicht erkennbar sind. Schade, dass das Historische und Völkerkunde­museum bislang kaum Begleitveranstaltungen konzipiert hat. Es gibt ein ­reiches Leben zu entdecken, das mitten unter uns und doch fast im Verborgenen stattfindet.

«Schweizer Juden: 150 Jahre Gleichberechtigung», Histo­risches und Völkerkundemuseum St. Gallen, bis 9. September.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.