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Ausserrhoder Familiengeschichten: Leben und Sterben in Bethenrüti

In Walter Züsts achtem historischen Roman «Die Weberbauern» geht es um sechshundert Jahre Geschichte einer Familie aus dem Ausserrhodischen. Sie ist eingebettet in den grossen Lauf der Zeit und wird farbig erzählt.
Urs Bader
«Eine historische Ader geerbt»: Walter Züst. (Bild: Urs Bucher (Grub AR, 19. Juni 2019))

«Eine historische Ader geerbt»: Walter Züst. (Bild: Urs Bucher (Grub AR, 19. Juni 2019))

Am Ende sind einem die Bethenrütiger ans Herz gewachsen. Es sind die Vorfahren der Romanfigur Albin Ahorn, zwanzig Generationen, deren Geschichte Walter Züst in seinem achten historischen Roman erzählt. Gelebt haben sie im fiktiven Weiler Bethenrüti im Appenzeller Vorderland, der von der kämpferischen Beth zu Beginn des 15. Jahrhunderts gegründet wurde.

Züst fasst in den «Weberbauern» sechshundert Jahre Familiengeschichte zusammen, eingebettet in den Lauf der Zeit von der Schlacht am Stoss 1405 bis in die Gegenwart. Am Anfang des Romans ist die eigene Familiengeschichte eingeflossen – wie, bleibt dem Leser verborgen. Bethenrüti ist die kleine Weltbühne der Weberbauern, wo sie Seuchen und Hungersnöte genauso ereilen wie die Reformation oder die Französische Revolution. Die Weberbauern leben mal schlecht, mal recht von der Leinen- und der Seidenweberei und von einer kleinen Landwirtschaft.

Vererbtes Interesse an der Geschichte

«Von meinem Vater habe ich eine historische Ader geerbt», sagt der 87-jährige Züst. Wir sitzen in der Stube seines Hauses im ausserrhodischen Grub. An den Wänden hängen viele Familienfotos. Auch eine Schwarz-Weiss-Aufnahme, die Züst und seine Frau inmitten ihrer Hochzeitsgesellschaft zeigen. 64 Jahre waren sie verheiratet, im April ist seine Frau gestorben. «Das drückt mich hinunter, das Leben ist schwierig geworden», sagt Züst.

«Dass sie an der Buchvernissage nicht mehr dabei war, das war schon ein harter Brocken.»

Sie habe wegen seiner Schreiberei ja auf vieles verzichten müssen. «Manchmal hat sie das auch beklagt: ‹Du schreibst zu viel.› Sie wäre gerne mehr mit mir gelaufen und gereist.»

Es fällt ihm schwer, sich für das Zeitungsfoto ein Lächeln abzuringen. Wenigstens lebt einer der Söhne mit der Familie im gleichen Haus.

Familie, Familiengeschichte sind dem in Wolfhalden aufgewachsenen Sohn eines Seidenwebers und Kleinbauern wichtig. Und eben die Geschichte allgemein. Seit 1958 lebt Züst in Grub, wo er Gemeindeschreiber war. Daneben erforschte er die Vergangenheit des Appenzellerlandes und verfasste lokalgeschichtliche Werke.

Geschichte und Fiktives geschickt verwoben

Faszination Familiengeschichte – in den «Weberbauern» heisst es über Albin Ahorn, den von Züst eingeführten Familienchronisten: «Eine unheimliche Kraft zog ihn (...) in jene Traumwelt, in der die Gegenwart ihre Konturen verlor und sich mit der zauberhaften Welt der Vergangenheit vereinigte. Und überall, wo er auf dieser Reise hinkam, hörte Albin die Vorfahren rufen: ‹Vergesst uns nicht, sonst sind wir verloren.›»

Cover von Walter Züsts Roman (Bild: Appenzeller Verlag)

Cover von Walter Züsts Roman (Bild: Appenzeller Verlag)

So lernt man die Vorfahren Albins kennen, wie sie sich durchs Leben schlugen, ob sie Glück oder Unglück hatten, wie sie sich verheirateten. Die Personen sind mal genauer gezeichnet, mal nur skizziert und machen geografisch meist keine grossen Sprünge.

Bei so viel Lokalkolorit hat Züst schon mal gewarnt – und da zeigt sich auch Schalk:

«An der Buchvernissage habe ich den Leuten gesagt: Sucht ja nicht nach Angaben, die auf eure Familien zutreffen könnten.»

Die Stammbäume der im Roman auftauchenden Familien hat er erfunden. Sie sind auf Blättern abgelegt in Ordnern, die Züst aus dem Büchergestell zieht.

Wenn es um die Lokalgeschichte geht, ist aber Schluss mit dichterischer Freiheit, da hat er stets aufwendig Quellen studiert, wie die Ordner ebenfalls belegen. Es findet sich darin etwa die Kopie vom Todesurteil gegen eine angebliche Hexe – eine Geschichte, die Züst in «Die Dornesslerin» verarbeitet hat. Dieses Buch war mit 7000 verkauften Exemplaren der bisher erfolgreichste seiner acht historischen Romane.

Der erste, «Der Weg zum Richtplatz» über die letzte Hinrichtung im Appenzellerland am 1. Juli 1862, erschien vor 25 Jahren. Insgesamt hat Züst von seinen historischen Romanen bisher rund 25'000 Exemplare verkauft. Historisches geschickt mit Fiktivem zu verweben, ist sein Erfolgsrezept.

Kulturpessimistischer Blick auf die Gegenwart

«Mich interessiert, wie der Alltag der Vorfahren war, wie sie lebten.» Ihr Leben sei ja oft brutal gewesen. Tatsächlich wird im Roman viel gebärt und viel gestorben. Das hat erzählerisch etwas Repetitives. «Es war eine schwere Zeit, doch das Leben ging ­weiter», heisst es lakonisch.

Am Romananfang wird aber ein pessimistischer Ton angeschlagen. Dabei wird etwa die Zerstörung der Natur in der Gegenwart kritisiert. Albin Ahorn stürzt ja wegen einer Schreckensvision, ausgelöst von einer geplante Windturbine, zu Tod. «Die Kultur der Anspruchslosigkeit, welche das Webernest Bethenrüti seit Jahrhunderten geprägt hatte, ging ihrem Ende entgegen. Gigantismus und Klamauk hatten die Herrschaft übernommen.»

Walter Züst «Die Weberbauern», Roman, Appenzeller Verlag, 224 S., Fr. 40.–

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