Ausgesetzt und aufgenommen

«Gebrauchsbilder» hiess die Ausstellung der deutschen Künstlerin Karin Sander, welche bis Anfang Februar im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen gewesen war. Nun ist das Buch dazu erschienen.

Brigitte Schmid-Gugler
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Spuren des Alltags, dokumentiert in den «Gebrauchsbildern» von Karin Sander. (Bild: Benjamin Manser)

Spuren des Alltags, dokumentiert in den «Gebrauchsbildern» von Karin Sander. (Bild: Benjamin Manser)

Charlie Chaplin, so zumindest die Legende erzählt, hatte sich, unzufrieden mit seiner Filmrolle, sein unverkennbares Paar Schuhe bei Ford Sterling, dem nicht minder berühmten Schauspieler und Komikerkollegen, ausgeliehen. Es mag an den Schuhen liegen, dass einem bei ihrem Anblick ausgerechnet diese Anekdote ins Gedächtnis rutscht. Zierlich, etwas ausser Atem und ja, listig. Dieser Blick, die Gestik und diese Schuhe, auf deren Sohlen sie behende die Treppe des Kunstmuseums erklimmt, gerade noch rechtzeitig zur Premiere ihres Buches an diesem neblig-düsteren Mittwochabend. Sie scheinen irgendwie zu gross für ihre Füsse, deren Fersen dicht beieinander, die Spitzen dagegen in zwei weit auseinander liegende Richtungen weisen. Als wäre der Ausgang ein offener. Wie in manchen ihrer Werkgruppen. Wie überhaupt in einem Grossteil ihres Schaffens, zu welchem auch «Kernbohrungen» gehört: Für eine Einzelausstellung in Berlin hatte Karin Sander ein Loch von 30 Zentimeter Durchmesser in den Fussboden des über dem Ausstellungsraum eingemieteten Büros fräsen lassen. Das Loch hatte genau die Grösse eines Papierkorbes. Die Angestellten der Büros entsorgten alles, was sonst in diesen zu liegen kommt, durch dieses Loch und schufen so im Raum darunter eine Art «Entsorgungsplastik», die sich stündlich, täglich veränderte.

Verweben von Kunst und Leben

Auch ihre «Gebrauchsbilder» waren einem steten Veränderungsprozess unterworfen. Als Karin Sander im vergangenen Jahr eine ihrer seit 1990 unter diesem Titel entstehende Werkgruppe zeigte, hatte sie schon sehr viel Vorarbeit geleistet. Wie in anderen Teilen der Welt, wo die international Tätige ihre «Patina- und Gebrauchsbilder» aussetzte, hatte sie auch in St. Gallen Vorstandsmitglieder des Kunstvereins dazu eingeladen, diese für eine bestimmte Zeit bei sich zu Hause «aufzunehmen». Die im Vorfeld lediglich grundierten Leinwände lagen oder standen somit über Jahre in Küchen, Abstellräumen, Garagen, Balkonen, Badezimmern oder Hundehütten. Bis der Zeitpunkt gekommen war, sie als «fertige Kunst» wieder abzuholen und mit den Intarsien ihres Exils ins Museum zu bringen. So arbeitet die 1957 geborene Karin Sander. An der Scharnierstelle zwischen Künstlerin, Sammlern und Ausstellungsraum will sie den Prozess des Kunstschaffens transparent machen. Wenn Kunst ins Leben eingreifen soll, und dessen Vielschichtigkeit von Kunst nicht zu trennen ist, dann muss das eine mit dem andern in eine konkrete Beziehung treten.

Den Prozess miterlebt

Karin Sander lehrt uns, wie Berührungsängste zu überwinden und der Blick geschärft werden könnte für das Unerwartete, Irritierende. Für den Augenblick der geglückten Verschiebung unserer Wahrnehmung, die ein Lächeln zulässt – über den Komiker, über die künstlerische Intervention. Die nun erschienene Publikation unter der Federführung von Konrad Bitterli und aus Anlass der Verleihung des Hans-Thoma-Preises 2011 an Karin Sander, vereint und bestärkt diese interaktive Vorgehensweise. Neben Texten von Kunstvermittelnden schildern Mitglieder des Vorstandes in kürzeren Texten die persönlichen Erfahrungen mit der zu Hause plazierten Asylkunst. Da gibt es die Neugierigen, die Ängstlichen, die fein Säuberlichen, die Vergesslichen, die Ungeduldigen. Eine Kunst-Hortnerin liess sich gar zu lyrischen Zeilen hinreissen – und es gibt die «zur Kategorie der Faulen» Gehörenden.

Zu letzterer zählt sich ein an der Buchvernissage anwesendes Vorstandsmitglied, das das «Faulen» nicht auf die Leinwand, sondern tatsächlich auf sich bezogen hatte. Was ja nicht selbstverständlich ist für ein Vorstandsmitglied des Kunstvereins… Item… faulen hätte im Sinne der Künstlerin und im Sinne von Verdauungs-, Gärungs-, Ausscheidungs- und Kompostierungsprozessen vermutlich auch das Bild dürfen. Das liebevoll gestaltete Buch mit grosszügigem Bildanteil zeigt nochmals auf, wie ins Leben integrierte Kunst dieses bereichern kann. Faul hin oder her.

Die Publikation wurde herausgegeben von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und dem Kunstmuseum St. Gallen; sie ist erschienen im Verlag für moderne Kunst Nürnberg und erhältlich im Kunstmuseum St. Gallen.