AUSFLUG: Kunst und Camping

Im idyllischen Glarner Klöntal findet zum zweiten Mal eine Triennale statt. Sie will Kunst und Alltag verbinden. Leider setzt man dabei vor allem auf Performances.

Christina Genova
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Cristian Andersens Skulptur «Tomorrow is a good day» beim Klöntalersee. (Bild: PD/Dominik Hodel)

Cristian Andersens Skulptur «Tomorrow is a good day» beim Klöntalersee. (Bild: PD/Dominik Hodel)

Christina Genova

Berührungsängste gegenüber zeitgenössischer Kunst kennt man am Klöntalersee keine: «Soll ich die Kleider wegräumen?», fragt ein Mann in Badehose, offensichtlich ein Gast des nahen Campingplatzes Vorauen. Hose und Hemd hat er über die Skulptur von Cristian Andersen gehängt, die ein bisschen wie ein unbequemer Liegestuhl aussieht. Ein schlechtes Gewissen braucht der Badende keines zu haben: Andersen, ein in Zürich lebender Däne, ruft die Besucher explizit dazu auf, seine Objekte als Steh-, Sitz- oder Liegegelegenheiten ­ zu benutzen. An einen Kleider- ständer hat er dabei zwar nicht gedacht, eine solche Zweckentfremdung ist aber durchaus in seinem Sinne.

Cristian Andersen hat diese und eine weitere Skulptur auf Einladung der Klöntal-Triennale aufgestellt. Bereits zum zweiten Mal haben die beiden Kuratorinnen Alexandra Blättler und Sabine Rusterholz Petko in der atemberaubenden Landschaft des Glarner Klöntals eine Kunstausstellung organisiert, dieses Jahr unter dem Titel «Part of a Moment». Gezeigt werden orts- bezogene Werke, die Verbindungen zwischen Kunst und Alltag schaffen sollen. Die meisten davon sind dieses Jahr performativ. So konnte man gestern Abend von 22 bis 23 Uhr mit dem ­ gebürtigen Thurgauer Florian ­Germann am Klöntalersee geheimnisvolle Lichterscheinungen beobachten. Für Ende August ruft San Keller zur Perfor­mance- Stafette «By Meter» auf. Die Strasse von Glarus bis zum En- de des Klöntals soll von allen möglichen Gruppen – von der Militärmusik bis zur Hawaiitanzgruppe – in Beschlag genommen werden.

Künstlerkolonie und Molkenkurort

Die Performance als flüchtige Kunstform in Ehren – aber die meisten der Veranstaltungen der Klöntal-Triennale richten sich an ein kunstaffines Publikum. Viel spannender wäre es gewesen, wenn all die Campingtouristen und Wanderer, die sich im Klöntal tummeln und vermutlich eher selten in einem Kunstmuseum anzutreffen sind, mit mehr als nur den vier Werken, die man dort permanent finden kann, auseinandersetzten könnten. Neben den zwei Skulpturen von Cristian Andersen befindet sich am Klöntalersee auch noch eine Arbeit von Nik Kosmas. Die bunte Metallkonstruktion, die an ein Klettergerüst erinnert, wird von Kindern eifrig in Beschlag genommen. George Steinmann hingegen hat seine wachsende Skulptur in einer Scheune im Richisau eingerichtet, der letzten und höchstgelegenen Talebene des Klöntals. Sie hat die «Landschaft im Zeitalter des Anthropozäns» zum Thema. Genauso rätselhaft wie der Titel präsentiert sich auch die raumgreifende Installation: Sie besteht unter anderem aus Heidelbeersaft, Flechten, Büchern zum Klimawandel, Aquarellen und Notizen. Künstler hatten Richisau schon im 19. Jahrhundert für sich entdeckt. Der Molkenkurort wurde zu einer eigentlichen Künstlerkolonie. Schriftsteller wie C. F. Meyer oder Carl Spitteler, Künstler wie Arnold Böcklin oder Rudolf Koller waren zu Gast; Hermann Götz komponierte im Richisau seine Oper «Der Widerspenstigen Zähmung». Die Stiftung Richisau, der das gleichnamige Gasthaus gehört, führt diese Tradition der Begegnung von Kunst und Natur fort. Sie hat in den letzten Jahren Plastiken von namhaften Künstlern erworben und in der Umgebung des Gasthauses platziert. Einen blauen Monolithen aus Bahiagranit des österreichischen Bildhauers Karl Prantl findet man in einem jahrhundertealten Bergahornhain. Roman Signers «Jäger» steht gut getarnt in einem Wäldchen. Auch im Gasthaus selber gibt es Kunst – unter anderem von Günter ­Uecker und Piero Dorazio.

Die erste Station der Klöntal-Triennale befindet sich jedoch im Kunsthaus Glarus. Im 1952 erstellten zeitlos schönen Bau des Glarner Architekten Hans Leuzinger werden die «Arena Seatings», mobile Tribünen der ­amerikanischen Künstlerin Rita McBride, für Anlässe der Triennale genutzt. Auch drei weitere Skulpturen von Cristian Andersen sind dort zu finden. Nur wird es wohl niemand wagen, seine Kleider darauf abzulegen.

Bis 24.9.; nächste Veranstaltung 12.8., 14.30 Uhr, Gasthaus Richis­au, Bergkonzert und Wurstgelage; www.kloentaltriennale.ch.