Aus Treibgut des Lebens ein Zuhause zimmern

Die Galeristinnen umschmeicheln ihn, das Feuilleton wartet gespannt auf seinen nächsten Coup.

Bettina Kugler
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Rolf Lappert: Über den Winter, Hanser 2015, 384 S., Fr. 29.90

Rolf Lappert: Über den Winter, Hanser 2015, 384 S., Fr. 29.90

Die Galeristinnen umschmeicheln ihn, das Feuilleton wartet gespannt auf seinen nächsten Coup. Lennart Salm, Konzeptkünstler in den besten Jahren und Hauptfigur in Rolf Lapperts neuem Roman «Über den Winter», sitzt jedoch weit weg am Meer, «im Süden», und treibt sich mit der Kamera am Strand herum. Für sein aktuelles Projekt sammelt er Schwemmgut, fotografiert und konserviert es – daraus könnte eine Installation werden, ein Mahnmal für all die Heimatlosen, die das rettende Ufer nicht erreichen werden.

Salm, sonst in einem New Yorker Atelier kreativ, trinkt zu viel; seine Objekte ekeln und faszinieren ihn zugleich: Kleidungsstücke, Zahnbürsten, Löffel, aber auch Fotos, Briefe, Kinderzeichnungen. «Das Meer spuckte aus, was die Menschen hineinwarfen oder was es sich von ihnen holte» – man ahnt, dass die Fundstücke mehr mit Salms eigenen Leben zu tun haben, als ihm lieb sein kann.

Erschreckend aktuell

«Die Welt geht gerade den Bach runter», der Satz rutscht ihm auf den ersten Seiten eher beiläufig heraus, als Erklärung dafür, dass rebellische Einheimische «Go home!» an die Mauern des Luxus-Resorts gesprüht haben. Salm immerhin ist aus künstlerischen Beweggründen da, er haust im Feriendomizil seines Mäzens. Kurz darauf fischt er die Leiche eines Babies aus dem Wasser. Sie wird ihn fortan in seinen Träumen heimsuchen und mit der Sinnlosigkeit seiner Kunst konfrontieren.

Salm wird dem unfreundlichen Appell folgen und heimfliegen, zur Beerdigung seiner Schwester. In Hamburg angekommen, würde er am liebsten kneifen – zu lange hat er sich allem entzogen, was nach Familie roch. Nicht einmal etwas anzuziehen hat er; seine Koffer sind in die falsche Richtung geflogen. Und es ist frostig kalt.

Brisant und hochaktuell beginnt «Über den Winter», als Momentaufnahme mit globalem Weitwinkel, über die sich eine handfeste Satire auf den oberflächlichen Kunstbetrieb legt. Doch schon nach weniger als fünfzig Seiten wird Salm ins Private abkommandiert. Dort richtet es sich der Roman gemütlich ein, zwischen sozialer Tiefenschärfe und heimeliger Sentimentalität.

Salm schwimmt zurück

Konfrontiert mit dem gebrechlichen Vater, mit seinem engen Jugendzimmer, mit alten und neuen Nachbarn und den Geschwistern, merkt Salm, dass er sich nicht länger heraushalten kann. Plötzlich hat er genug damit zu tun, sein Leben in Ordnung zu bringen, so etwas wie ein Zuhause in alten Beziehungen zu finden. Wie der Lachs, nach dem ihn Lappert benannt hat, schwimmt er zurück ins Süsswasser der Familie.

Lappert nimmt sich für Salms Sinnsuche Zeit; er spannt weite Bögen, verliert sich aber zu oft in unnötigen Details. Bestrebt, alles mit Bedeutung aufzuladen, möglichst viele grosse Themen anzupacken, dreht er sich zuweilen im Kreis. Was der Lachs instinktiv nicht tun würde.