Aus Kindern werden Machtmenschen

Michael Theurillat verbindet in seinem Krimi «Wetterschmöcker» Schweizer Lokalkolorit mit internationaler Dimension. Im Zentrum stehen Kinder und Erwachsene mit besonderen, zwiespältigen Eigenschaften – und ein kantiger Kommissar.

Arno Renggli
Drucken
Teilen
Michael Theurillat: Wetterschmöcker, Ullstein 2016, 347 S., Fr. 24.90

Michael Theurillat: Wetterschmöcker, Ullstein 2016, 347 S., Fr. 24.90

«Wetterschmöcker» heisst der neue Krimi des Basler Autors Michael Theurillat. Der Titel weist wie diejenigen der vorherigen Bücher («Rütlischwur» und «Sechseläuten») auf die schweizerische Ausrichtung von Theurillats Erzählen hin.

Gigantischer Rohstoffkonzern

Der «Wetterschmöcker» ist ein kantiger älterer Mann, der bei Kommissar Eschenbach seine Nichte als vermisst meldet. Als an der Sihl eine rituell verbrannte Leiche gefunden wird, ergeben die Untersuchungen, dass die Tote besagte Nichte ist. Für Eschenbach erhält der Fall eine internationale Dimension: Die Frau war designierter CEO eines neuen gigantischen Rohstoffkonzerns. (Dass der Vorgängerkonzern Glowmore heisst und in Zug angesiedelt ist, gehört wohl nicht zu den Ähnlichkeiten mit der Realität, die der Autor als «rein zufällig» bezeichnet.)

Besondere Fähigkeiten

Doch Eschenbach und sein Team gelangen auch noch auf eine ganz andere Fährte: In den Siebzigerjahren kam es zu verschiedenen häuslichen Gewalttaten, in deren Gefolge die Kinder der involvierten Elternteile verschwanden beziehungsweise durch einen steinreichen Unternehmer fremdplaziert wurden. Anscheinend in der Annahme, dass die Kinder aufgrund einer erblichen Psychopathie besondere Fähigkeiten entwickeln würden, die sie dann später zu Topshots internationaler Firmen machen würde. Und es macht den Anschein, als sei dieser Plan aufgegangen. Indes haben besagte Kinder und Jugendliche damals ihre eigene Geschichte mit wechselseitigen emotionalen Verwicklungen erlebt – ein Pulverfass, das viele Jahre später explodiert.

Mediterrane Beschaulichkeit

Das Buch hat zwei Handlungsebenen, die sich auch stilistisch recht stark unterscheiden: Da ist der Strang um Eschenbach und seine Ermittlungen, der beschaulich, mit lockeren Dialogen und zeitweiligem Humor daherkommt und an mediterrane Krimis wie etwa von Donna Leon erinnert. Und wie deren Commissario Brunetti zählt Eschenbach auf die Hilfe von schrulligen Nebenfiguren, etwa auf seine eigensinnige Sekretärin Rosa, seinen liebeshungrigen Mitarbeiter Jagmetti und neu einen unbedarften Praktikanten.

Psychologischer Tiefgang

Anders – direkter und härter – kommen die Szenen ohne Eschenbach daher: im Kontext mit dem Rohstoffkonzern oder den damaligen Ereignissen unter den adoptierten Jugendlichen, die in Rückblenden aufscheinen. Gerade hier bietet Theurillat auch einigen psychologischen Tiefgang, etwa in den Ausführungen über Psychopathie, die Menschen dank der Absenz von Ängsten und Skrupeln tatsächlich zu Erfolg verhelfen kann; auch wenn er mit der zwingenden Vererblichkeit dieser Eigenschaft vielleicht etwas dick aufträgt.

Zusammen mit einigen wunderbaren Passagen im kilometerlangen Labyrinth des Schwyzer Hölloches und einem insgesamt funktionierenden Spannungsbogen ist «Wetterschmöcker» vielleicht Theurillats bisher bester Krimi.