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Newcomer singt die «Winterreise»:
Aus Gedanken werden Ereignisse

Der Bariton Benjamin Appl ist der aufgehende Stern im Gesangsbusiness. Auf dem Bürgenstock wagte er sich im kleinsten Rahmen gleich an das gewichtigste der Liederbücher – Schuberts «Winterreise».
Roman Kühne
Der Bariton Benjamin Appl beim Auftritt in der Villa Honegg auf dem Bürgenstock. (Bild: Manuela Jans-Koch (Bürgenstock, 7. Februar 2019)

Der Bariton Benjamin Appl beim Auftritt in der Villa Honegg auf dem Bürgenstock. (Bild: Manuela Jans-Koch (Bürgenstock, 7. Februar 2019)

Er ist jung, er ist gut aussehend und er ist einer der aufsteigenden Stars in der Liederszene. Gut, ganz so jung ist Benjamin Appl auch nicht mehr. 36 Jahre alt ist der Bariton und doch noch relativ neu im Künstlergeschäft. Dies hat auch damit zu tun, dass der Deutsche zuerst Betriebswirtschaft studierte. «Die nehmen mich ja doch nicht» ist eine viel zitierte Aussage über seine Sängerambitionen. Er sollte sich täuschen. Zuerst nahm ihn die Hochschule Musik und Theater in München. Schnell führten ihn seine Wege nach New York und London. Diesen Donnerstag spürte man ihn nun hautnah und direkt im kleinen Rahmen. Am Bürgenstockfestival bespielte er den Kammermusiksaal der Villa Honegg.

Und Benjamin Appl singt nicht ein Sammelsurium leichter Unterhaltsamkeiten, wie es oft für steigende Sterne üblich ist. Nein, er hat gleich die «Winterreise» von Franz Schubert im Gepäck, einen der emotionell schwierigsten und grössten Liederzyklen, den es gibt. Werner Güra, Mark Padmore, im letzten Jahr Jonas Kaufmann oder der Übervater Dietrich Fischer-Dieskau – die Liste der Vorbilder ist lang und gewichtig. Doch Benjamin Appl ficht dies nicht.

Sensible Gestaltung der Emotionen

Der letzte Schüler von Fischer-Dieskau singt die 24 Lieder über drei Abende verteilt. Am Donnerstag sind es die Nummern 6–13. Und er singt sie überzeugend. Seine sorgfältige Textbehandlung, die sensible Gestaltung der Emotionen, das dunkle Timbre der Stimme und die kontrollierte Klangführung lassen wenig Wünsche offen. Er gibt den Liedern emotionelle Tiefe ohne Pathos, ist intensiv aber dringlich zugleich. Leicht zeichnet er den «Rückblick», kontrastiert die «Rast» mit einer vorwärtsdrängenden Spannung. In vielen Zwischentönen werden die Ereignisse und Gedanken des Müllerburschen nachgezeichnet. In jedem Stück nützt Benjamin Appl praktisch die ganze Lautstärkenskala, raubt den Stücken so manchmal etwas ihre Geheimnisse und Mythen. Aber es ist eine packende Interpretation mit viel Gestaltung und Leben. Der Pianist José Gallardo begleitet mit sanftem Anschlag und facettenreich.

Auch der restliche Abend ist ganz dem «Gesang» verpflichtet. Einer der Höhepunkte sind die drei Ausschnitte aus «8 Stücke für Klarinette, Viola und Klavier» von Max Bruch. Der menschlichen Stimme gleich verweben sich die Instrumente. Amihai Grosz, der erste Solobratscher der Berliner Philharmoniker spielt mit einem überaus satten Klang und einem weiten Gespür für Farben, führt sein oft unterschätztes Instrument aufs Schönste vor. Der Klarinettist Andreas Ottensamer, ebenfalls von den Berlinern, zeichnet klagend und formschön die weiten Linien. Einer der Höhepunkte ist sein Arrangement über «Lieder ohne Worte» (Felix Mendelssohn), wo er die Klarinette unendlich zärtlich, mit hängender Brüchigkeit über die Linien führt. Ein Sänger auf seinem Blasinstrument.

Nicht ganz überzeugt das erste Klaviertrio von Franz Schubert. Der Schweizer Oliver Schnyder (Klavier), Boris Brovtsyn (Violine) und Timothy Park (Cello) finden nicht ganz zu jener ziehenden Dringlichkeit und Einheit, welche die anderen Stücke abheben lässt. Das hochkarätige Festival dauert noch bis Sonntag, wo Benjamin Appl auch seinen Winterreise-Zyklus beenden wird.

CD-Empfehlungen

Bei Benjamin Appls Einspielungen sticht vor allem die letzte CD mit Kantaten von Bach hervor. Eigentlich sind die Singstücke eher für Tenor oder Bass gedacht. Benjamin Appl gibt den Stücken mit seiner Baritonstimme jedoch eine spannende, ganz eigene Färbung. Er singt die Mischung aus weltlichen und geistlichen Kantaten mit überzeugender Balance, tariert sicher durch die beiden Pole Emotionalität und Intellekt. Sehr zu empfehlen. Musikalisch leichtere, aber gesanglich nicht weniger gehaltvolle Kost bietet die Aufnahme «Heimat». Von Schubert und Richard Strauss bis hin zu «Home, sweet home» oder «Green­sleeves» reicht bei dieser CD das Spektrum. Ein abwechslungsreiches Juwel. Schwerere Kost sind die Brahms-Lieder. Dort überzeugt Appl vor allem in den beschwingteren Passagen. In den schwermütigen Liedern geht seine Stimme klanglich teils etwas in die Breite. (rkü)

Benjamin Appl & Concerto Köln: «Bach» (Sony), Appl & James Baillieu, Piano: «Heimat» (Sony), Appl & Graham Johnson, Piano: «The Songs of Brahms» (Hyperion). Tipp: Tastenzauber und Winterreise am Sa, 9. respektive So, 10. Februar 2019, 17. 30 Uhr, Villa Honegg, Bürgenstock. Weitere Informationen: www.buergenstock-festival.ch

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