Aus der Gerümpelkiste

Die Sängerin Regina Spektor ist reif – nicht für die Insel, aber für Lieder, die sie vor vielen Jahren geschrieben hat. Ihr neues Album führt sie auch in ihre Heimat Russland – wovor sie ein wenig Angst hat.

Pascal Münger
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Normalerweise ist die neue CD eines Musikers eine Momentaufnahme, die Blaupause des jetzigen künstlerischen Schaffens. Nicht aber bei der gebürtigen Russin Regina Spektor, die seit Jahren die New Yorker Anti-Folk-Szene aufmischt. Wenn die 32jährige Sängerin und Pianistin ein neues Werk veröffentlicht, leuchtet sie damit bloss einen kleinen Teil aus einem riesigen Sammelsurium aus. «Ich schreibe die ganze Zeit an neuen Songs herum», sagt Regina Spektor im Gespräch, «und das seit Jahren.»

Angestaut hat sich einiges, was aus diesem Haufen an Liedern schliesslich den Sprung auf eine Platte wie «What We Saw From The Cheap Seats» schafft, das überlässt die Musikerin ganz ihrem Bauchgefühl. Natürlich schreibt Spektor auch spezifisch Lieder für eine neue Platte. Viel interessanter für sie ist es aber, ihr unveröffentlichtes Liederarchiv nach Momenten zu durchstöbern, die ihre aktuelle Gefühlslage treffen.

Lieder wie «Don't Leave Me (Ne me quitte pas)» und «Open» auf dem neuen Album liegen bereits seit ihrem 21. Lebensjahr in der musikalischen Gerümpelkiste. «Damals haben diese Lieder nicht mit meinen anderen Kompositionen harmoniert. Heute plötzlich tun sie es», meint Spektor und wundert sich dabei selber ein wenig über ihre unkonventionelle Arbeitsweise. «Obwohl ich heute reifer bin, passen diese Lieder erst jetzt richtig zu mir.»

Chemie mit Produzent stimmt

Wie bereits auf ihrem letzten Studioalbum «Far» hat Regina Spektor mit dem Produzenten Mike Elizondo an den neuen Songs gearbeitet. Er hat in Amerika bereits mit Eminem, 50 Cent und Maroon 5 gearbeitet. Die grossen Namen sind Regina Spektor aber schnuppe. Wie bei der Auswahl ihrer Kompositionen geht es ihr auch bei der Zusammenarbeit mit ihrem Produzenten um die besondere Chemie. «Ich glaube, ich arbeite gerne mit ihm zusammen, weil er meinen Liedern vertraut, sobald ich ihnen vertraue. Es geht ihm genauso um die Kunst hinter meinen Liedern wie mir.»

«Rolling Stone» adelt die Russin

Waren die früheren vier Werke von Regina Spektor eher im Untergrund beliebt, werden ihre zwei neuesten Alben bis weit in die Mainstream-Medien hinein gelobt – bei einer Mischung aus Folk, Pop, Avantgarde, Jazz und Rock ist das nicht selbstverständlich. «What We Saw From The Cheap Seats» spinnt die Energie und die Vielfalt des Vorgängers weiter und verfeinert beides mit poppigen Melodien. Renommierte Musikzeitschriften wie das amerikanische «Rolling Stone» sprechen bereits vom besten Album ihrer Karriere. «Ich bin mächtig stolz auf meine Arbeit und freue mich darauf, wie die Fans live darauf reagieren werden», sagt Spektor im Hinblick auf ihre Europa-Tournée, die zurzeit läuft.

Nicht genug Zeit in Luzern

«Am Anfang einer Tournée probiere ich noch viele Sachen aus, ändere die Setlist, bis ich mit der 90minütigen Show zufrieden bin», sagt Spektor und lacht. «Wenn ich dann in die Schweiz komme, sollte ich also eingespielt sein.» Das Spezielle an einem Festival wie Blue Balls ist jedoch, dass Spektor nur eine unter vielen Künstlern sein wird und keine Zeit hat, ihre komplette Setlist aufzuführen. «Das wird spannend», sagt die Musikerin. Denn ihr Plan wird es sein, eine entschlackte Version ihrer Soloshow zu liefern. «Das bedeutet, ich spiele vor allem Lieder von meinem aktuellen Album.»

Neben zahlreichen Festivals wartet auf der kommenden Tournée noch ein weiteres Highlight auf Regina Spektor: «1989 bin ich mit meiner Familie von Russland nach Amerika ausgewandert. Nun kehre ich zum ersten Mal für zwei Konzerte in meine Heimat zurück.» Wenn sie daran denke, werde sie schon ziemlich nervös. «Aber das wird schon gut gehen», sagt sie. Schliesslich habe sie ihre engste Vertraute an ihrer Seite – «die Musik».

Regina Spektor tritt am 19. Juli am Poolbar Festival in Feldkirch auf und am 20. Juli am Blue Balls in Luzern.