Augen und Ohren für den Stolz des Arbeiters

Was für ein toller Beobachter, was für ein aufmerksamer Zuhörer, was für ein Menschenfreund! Während sieben Jahren hat Pedro Lenz für die Stellenbeilage der Neuen Zürcher Zeitung kurze Texte über die Arbeitswelt verfasst.

Hansruedi Kugler
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Pedro Lenz: Der Gondoliere der Berge. Cosmos 2015. Fr. 31.90.

Pedro Lenz: Der Gondoliere der Berge. Cosmos 2015. Fr. 31.90.

Was für ein toller Beobachter, was für ein aufmerksamer Zuhörer, was für ein Menschenfreund! Während sieben Jahren hat Pedro Lenz für die Stellenbeilage der Neuen Zürcher Zeitung kurze Texte über die Arbeitswelt verfasst. Anrührend, wie liebevoll der Berner Mundart-Poet («Der Goalie bin ig») die Arbeiterklasse charakterisiert: Handlanger, Kassiererinnen, Hemdenverkäufer, Tunnelbauer, Garderobieren, Museumswärter, Minibar- und Seilbahn-Piloten und viele mehr. Handwerkerstolz mag eine Floskel sein – in den 57 Kurztexten bekommt der Begriff eine mit skurrilen Zwischentönen belebte Farbe und Gültigkeit, wie man sie lange nicht mehr gelesen hat. Oft findet er zudem zu amüsanten Pointen.

Olivenöl schützt vor Kälte

Dass hier einer das Maurerhandwerk genauso gut kennt wie dasjenige des Schriftstellers, verblüfft nur jene, die noch nicht wissen, dass Pedro Lenz vor seinem Studium eine Maurerlehre abgeschlossen hat. Und vielleicht deshalb nicht nur die verschiedenen Arten von Maurerkellen kennt, sondern ein offenes Ohr und wache Augen hat für die Geschichten aus dem Arbeitsleben, für deren Sprache, Umgangsformen und Handfertigkeiten. So schützt ein Bauarbeiter und Schlaumeier seine Hände vor der winterlichen Kälte mit einem Bad im Olivenöl, das er zu Hause wieder zum Kochen benutzt. Man schmunzelt auch über die ehemalige Arbeiterin der zur Universität umgebauten Schokoladenfabrik Tobler. Die sagt, es tue ihr beim Anblick der lesenden Studenten weh, zu merken, wie wenig in ihrer Stadt «noch richtig gearbeitet werde».

Nostalgiker im Kundentest

Pedro Lenz ist kein Marxist und kein Polemiker. Viele seiner Texte in diesem Buch umweht eine leise Trauer: Darüber, dass mehr evaluiert als gearbeitet wird oder dass der direkte Kundenkontakt immer mehr an anonyme Call-Center verlagert wird. In solchen Passagen ist Lenz ein Nostalgiker. Und weil er über sich selbst ironisch als Kunde schreibt, liest man dazwischen verblüffende Einsichten über talentierte Verkäufer: die einem Hemden und Bücher aufschwatzen, jedoch das beruhigende Gefühl geben, das Notwendige gekauft zu haben – was Lenz mit Bewunderung feststellt. Eine Bewunderung, die er ganz unironisch auch hegt für die Kaffee jonglierenden Minibar-Piloten, für den Museumsaufseher, der die Smartphone-Föteli-Knipser nicht beklagt, sondern als surrealistisches Phänomen belächelt, oder für den exponierten Beruf des Lehrers. Er selbst sei als Gastlehrer aus dem Gekicher der Schüler nicht schlau geworden – bis er gemerkt habe, dass er sein Poloshirt verkehrt herum trug. Mit seinen wunderbaren Geschichten hat Pedro Lenz eine weitere Floskel rehabilitiert: «die Würde des kleinen Mannes». Er hält diese mit seinen pointierten und leicht melancholischen Porträts wohltuend hoch.