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Aufzehrung aller Farben

Der in Appenzell lebende Künstler Walter Angehrn zeigt in einer leerstehenden Gewerbeliegenschaft in St. Gallen neue Werke. Der Ausstellungstitel lehnt sich an ein Gedicht von Werner Lutz an.
Brigitte Schmid-Gugler
Schauplätze des Zeichenhaften: Walter Angehrn zeigt unter dem Titel «Nachdenklichkeiten» neue Werke. (Bild: Ralph Ribi)

Schauplätze des Zeichenhaften: Walter Angehrn zeigt unter dem Titel «Nachdenklichkeiten» neue Werke. (Bild: Ralph Ribi)

Drei Monate ist es her, seit der Lyriker und Zeichner Werner Lutz, ein gebürtiger Ostschweizer auch er, im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Und noch einmal drei Monate weiter zurück zählt Walter Angehrn, als er Lutz an seinem Wohnort in Basel besuchte und mit ihm einen Tag lang über Gott und die Welt sprach.

Da hätte man ja nicht ungern gelauscht im Wissen darum, dass bei beiden Künstlern jeder Gedanke, jeder Strich im Fluss der gelebten Zeit und immer im Bezug zur je eigenen Lebenswirklichkeit steht. Erst nach Lutz' Tod stiess Walter Angehrn auf dessen Gedicht, das er seiner Ausstellung voranstellt: «Eine Nachdenklichkeit/auf japanische Art glänzendschwarz lackiert/dass die verschiedensten Dunkelheiten/sich spiegeln darin». Es gibt noch andere Parallelen zwischen Lutz und Angehrn. Beide sind Spätberufene. Werner Lutz, den sein Verleger fast geisseln musste, dass er etwas zur Erstveröffentlichung freigab, war fast 50, als der Titel «Ich brauche dieses Leben» bei Suhrkamp erschien. Angehrn (66) gab im Alter von fast 60 Jahren seinen Beruf als Hausarzt auf und wandte sich ganz der Malerei zu. Sein Kunstbuch mit dem Titel «Land Marks» wurde diesen September mit dem German Design Award ausgezeichnet. Gestaltet hat das Werk das Büro TGG in St. Gallen.

Sein eigener Agent und Kurator

Während Lutz die Öffentlichkeit scheute, ging Angehrn bald in die Offensive, feierte gleich mit seinen ersten Ausstellungen Verkaufserfolge. Doch in seinem Alter ist – und bleibt – man wohl innerhalb der hippen Kunstszene ein Aussenseiter. Monika Jagfeld, Leiterin des St. Galler Museums im Lagerhaus, kennt sich bestens aus mit dem erweiterten Begriff dieser Zuordnung. Sie hielt an der Vernissage die Eröffnungsrede.

Für seine aktuelle Ausstellung mietete Angehrn – und er hat dies in anderen Räumlichkeiten mehrmals getan – einen vorübergehend leerstehenden Industrieraum. Grösse: 700 Quadratmeter. Die unkonventionelle Art, wie er seine Kunst ans Licht holt und die ungeschriebenen Gesetze von Museen und deren Scouts, den Galeristen, umschifft, könnte durchaus Schule machen. Sie trickst den oft leidigen Weg des Messens, der Wettbewerbseingaben und Ausmarchungen für regionale Grossanlässe aus.

Suchend, nicht behauptend

«Verschiedenste Dunkelheiten» spiegeln sich gleich beim Eingang in den ersten drei grossformatigen Werken. Aus einer glänzenden Teerschicht, aufgebaut auf Acryl, schimmert schemenhaft, und fast nur durch den sich spiegelnden Glanz des Tageslichts erkennbar, da ein Labyrinth, dort ein Buch. Zeichenhaft, er-innert, vernarbt. Anspielungsfelder für «Nachdenklichkeiten». Sie ziehen sich durch den riesigen Raum als oft monochrome Werke, die leuchtende Dunkelheit – auch im Spannungsfeld von Weiss – ist allgegenwärtig.

Der mystische Sufi-Dichter Rumi schrieb einmal, Schwarz sei die «Aufzehrung aller Farben», der Zustand der Seligkeit, in dem sich das Göttliche offenbare. Dies wäre dann auch jede ahnungsvolle Erneuerung – in der fruchtbaren Krume des überschwemmten Flussdeltas, in den dunklen Bezirken von Heilung und Initiation. An den Mythos der Kartage lehnt sich der 50 Schritte lange «Giebel» aus Aluminium, der den Raum – und die Patina des Fussbodens – in zwei Hälften teilt. 137 A4-Blätter trägt das Objekt, Graphit auf Weiss, gezeichnet in einem dreistündigen Atemzug an einem Gründonnerstag. Schwerelose, karge, tastende Splitter, deren aufgerauhte Kanten in Walter Angehrns Spurensuche münden, den Raum – die Halle – mit «Nachdenklichkeiten» bespielen und alles Lärmige und jedes Dogma dekonstruieren.

Bis 27.11., Zürcherstrasse 45, 2. Stock; Di–Fr 16–19, Sa/So 11–17 Uhr oder nach Vereinbarung: 071 222 72 10

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