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Aufwühlendes Jugendtheater:
Kampf um die Macht im Klassenzimmer

Mit Gewalt, Brutalität und heftiger Sprache mischt das neue Jugendstück (16+) des Theaters St. Gallen Debatten auf: Was ist Integration? Wo beginnt Rassismus? «Verrücktes Blut» gibt keine Antworten, stellt aber wuchtige Fragen.
Julia Nehmiz
Wer die Waffe hat, hat die Macht im Klassenzimmer – «Verrücktes Blut» am Theater St. Gallen. (Bild: Tanja Dorendorf)

Wer die Waffe hat, hat die Macht im Klassenzimmer – «Verrücktes Blut» am Theater St. Gallen. (Bild: Tanja Dorendorf)

Muschi, Fotze, Wichser, fick deine Mutter. Die sechs Schülerinnen und Schüler geben sich derb. Sie prügeln, fluchen, rotzen, filmen mit dem Handy, während die Lehrerin verzweifelt versucht, ihren Unterricht durchzuziehen. Schnell wird klar: das ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Respekt? Autorität? Weit gefehlt, die Klasse macht sich über Lehrerin Sonia Kelich lustig, sie wird beleidigt, beschimpft.

Sie will ihre Klasse theaterspielen lassen, Friedrich Schiller, «Räuber», «Kabale und Liebe», Sturm und Drang wie bei ihren Jugendlichen, die wüten und sich Schule und Gesellschaft komplett verweigern. Doch dann fällt aus einem Schülerrucksack eine Pistole – Sonia Kelich greift zu. Dreht den Spiess um. Und mutiert zur Bildungsterroristin.

Taugen Klassiker als Integrationsmittel?

Postmigrantisches Theater nennen Nurkan Erpulat und Jens Hillje das Genre ihres Stückes «Verrücktes Blut». 2010 uraufgeführt, avancierte es zum Saisonhit, wurde 2011 zum Berliner Theatertreffen eingeladen und als «Stück des Jahres» ausgezeichnet. Erpulat und Hillje zünden eine Amok-Komödie, entfachen eine Debatte über Integration, Vorurteile und Rassismus.

Die klischierte Überzeichnung der Figuren zeigt, wie die Schüler mit Hintergrund –migrantischem, muslimischem, bildungsfernem – von der Gesellschaft gesehen werden. Sämtliche Angstvorstellungen manifestieren sich in ihnen. Klischee prallt auf Gegenklischee, Rassismus auf Rassismus, Macht auf Ohnmacht und dazwischen die Frage, ob man wirklich mit Schiller die sich verweigernden Jugendlichen erreicht, ob Klassiker als Integrationsmittel taugen.

Starke Ensembleleistung: Lukas Riedle, Kay Kysela, Seraphina Maria Schweiger, Jessica Cuna, Stefan Schönholzer, Pascale Pfeuti. (Bild: Tanja Dorendorf)

Starke Ensembleleistung: Lukas Riedle, Kay Kysela, Seraphina Maria Schweiger, Jessica Cuna, Stefan Schönholzer, Pascale Pfeuti. (Bild: Tanja Dorendorf)

Ja, in der St. Galler Inszenierung von Anja Horst (leitende Dramaturgin am Theater St. Gallen) zumindest für kurze Momente. Wie die jungen Schauspieler – darunter vier Schauspielstudenten der Hochschulen Bern und Zürich – sich in die Theater-auf-dem-Theater-Szenen werfen, wie sie von pöbelnden Aggro-Schreiern zu sensiblen, verletzten Jugendlichen werden, Schillers Kunstsprache verinnerlichend, ist berührend.

Plötzlich ein Traum von heiler Welt

Doch so einfach ist es nicht. Und nein, es gibt kein Happy End. Erpulat und Hillje werfen Fragen auf: Was ist Integration? Wo beginnt Rassismus? Was macht Gewalt mit einem?

Regisseurin Anja Horst pusht ihre Darsteller von Anfang an zu Spannung und Dramatik. Diese ist schon bald kaum mehr zu steigern. Doch das Stück weist noch eine Wendung auf und noch eine. Waffe und Macht wechseln die Besitzer. Plötzlich ein Traum von heiler Welt, wenn auf einmal alle, Lehrerin und Schüler, ein Schweizer Volkslied singen, a Capella, mehrstimmig.

Die Bühne (Andreas Walkows) ist schlicht, schwarze Podeste, beleuchtbare Rückwand, ein paar Stühle, mehr braucht es nicht. Im Theatersaal der Lokremise sitzen die Zuschauer so nah dran, als wären sie im Klassenzimmer. Die Unmittelbarkeit des Raumes und die Direktheit der Schauspieler ziehen hinein. Das Ensemble steigt voll ein in die Derbheit, lustvoll werden Sprachfehler und Jugendslang zelebriert. Ein bisschen bleibt dabei auf der Strecke, dass die Figuren eigentlich überzeichnete Vorurteile sind.

Zwischen Verletzlichkeit, Scham und Hass

Eine Wucht ist Kay Kysela als aggressiver Anführer Musa. Brutal nicht nur in der Sprache, quält er erbarmungslos die anderen, und wenn er unter vorgehaltener Waffe die Hosen runterlassen muss, brodelt er zwischen Verletzlichkeit, Scham und Hass.

Kay Kysela als brutaler Anführer Musa hat im Klassenzimmer das Sagen. (Bild: Tanja Dorendorf)

Kay Kysela als brutaler Anführer Musa hat im Klassenzimmer das Sagen. (Bild: Tanja Dorendorf)

Pascale Pfeuti schwankt als überforderte Lehrerin zwischen Enthusiasmus, Verzweiflung und Wahnsinn. Sie meint es doch nur gut mit ihren schwierigen Schülern, dressiert diese aber unter Waffengewalt. Die Schüler sind da schon weiter. Als die Lehrerin Rache will, um den brutalen Schüler zu bestrafen, werfen sie die Werte der Aufklärung ins Feld und bitten um eine zweite Chance. Dann fällt ein letzter Schuss.

Jugendstück «Verrücktes Blut» (ab 16), Theater St. Gallen Lokremise, bis 24.Januar 2019

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